• Sinnlosoph

Projekt Eden - 10. Kapitel

Aktualisiert: Juli 6

Die Füllfeder kratzte langsam über das Papier. Bei jedem Wort setzte sie kurz ab und überlegte. Es fiel ihr schwer den Brief zu Ende zu schreiben, da sie mit den Gedanken ganz wo anders war. Plötzlich klopfte es an der Tür.

„Herein!“

Quietschend wurde der Griff nach unten gedrückt und die Tür aufgestoßen. Es trat eine kleine Gestalt mit verdecktem Gesicht ein.



„Schön, dass man auf euch zählen kann.“

Sie streckte der Person den Brief entgegen. Diese nahm ihn entgegen, las ihn und entzündete ihn daraufhin an einer Kerze. Ohne ein weiteres Wort nickte die Gestalt und verließ den Raum wieder.

Cate lehnte sich in ihrem Sessel zurück und dachte nach. Irgendwie konnte sie diesen Eric nicht aus dem Kopf kriegen. Sie wusste nicht, was an ihm so besonders war. Er war vielleicht männlich und stark, doch sonst so gar nicht ihr Typ. Immerhin hatte er noch alle Zähne, was bei einem Piraten so etwas wie der Hauptgewinn wäre. Vielleicht waren ihre Ansprüche auch einfach gesunken. Schließlich war sie nun schon eine ziemlich lange Zeit ohne Gefährte unterwegs.

Mit einem Ruck richtete sie sich auf. Die Mannschaft hatte Landgang im Krähennest, dem Hauptquartier der örtlichen Piraten. Hier galten eigene Gesetze. Die Hälfte ihres Trupps hatte sich bestimmt schon halb tot gesoffen. Die andere Hälfte würde sich bei den Dirnen vergnügen. Ihr war allerdings nicht nach feiern, also beschloss sie an Deck zu gehen und das Schiff zu inspizieren.

Als sie beim Steuer ankam strich sie mit der linken Hand gedankenverloren an einem alten Hut entlang, der rechts daneben aufgenagelt wurde. Gleichzeitig griff sie mit ihrer rechten nach den beiden Pistolen, die in ihrer Schärpe steckten.

„Ich werde dich schon nicht enttäuschen.“ murmelte sie und blickte wehmütig über das Deck. Das Schiff, der Hut und die beiden Pistolen waren das einzige, was sie von Brandon hatte.

„Weißt du, er hat Ähnlichkeit mit dir. Er wäre ein guter Anführer, doch wie du ist er zu ehrlich. Er riecht sogar ähnlich wie du.“

Ihr wurde bewusst, wie lächerlich es aussehen musste. Eine Frau, die allein auf einem Schiff stand und sentimental mit irgendwelchen Gegenständen spricht. Also wandte sie sich ab und blickte zu den Landungsstegen.

Das Krähennest wurde auf einem Felsen in den Wolken erbaut. Niemand wusste so genau, wie sich der riesige Stein über dem Boden halten konnte oder wie er scheinbar unberührt von Stürmen einer festen Route folgte. Es gingen Gerüchte um, dass es sich gar nicht um einen Felsen handelte, sondern in Wirklichkeit ein Luftschiff von enormen Ausmaßen ist. Andere behaupten, der Stein sei hohl und mit Gas gefüllt, so dass er denselben Auftrieb hat, wie ihre Schiffe. Einige glaubten auch daran, dass es sich um einen Kometen handelt, der irgendwann auf die Erde stürzt. Cate war es egal, solange es ein sicherer Hafen blieb.

Und das war es. Selbst wenn die königliche Marine den Standort kennen sollte, wäre ein Angriff zum Scheitern verurteilt. Die Landungsstege befanden sich alle in einer Nische, die nur von einer Seite aus angefahren werden konnte. Zudem waren auf der Außenseite des Felsen Geschütztürme aufgebaut worden, die Kanonenkugeln so groß wie Kühe verschießen konnten. Es handelte sich also um eine fliegende Festung. Obwohl nur Haudegen und Halsabscheider hierherkamen, war es der wohl sicherste Ort für sie.

Sie ließ ihren Blick über die vielen Baracken schweifen, sie sich an die Flanken des Felsen schmiegten. Ihr fiel auf, dass erstaunlich viele ihrer Mannschaft unterwegs waren und dazu noch halbwegs gehen konnten. Die meisten schienen bereits auf dem Rückweg zum Schiff zu sein.

Sie stutzte.

Es war noch viel zu früh. Sie rechnete frühestens am nächsten Morgen mit den ersten.

Eine Flasche flog auf das Schiff zu und zerschellte wenige Schritte neben ihr. Bill hatte sie geworfen und schien wegen irgendwas äußerst aufgebracht zu sein.

Eine zweite Flasche zerschellte auf dem Deck. Diesmal etwas näher. Cate fiel erst jetzt auf, dass sich die Hälfte der Mannschaft versammelt hatte und wütend gestikulierend auf das Schiff zu marschierte. Zuvorderst lief Finnigan, ihr erster Maat. Und da begann es ihr zu Dämmern.

„CATE!“ rief er.

„CATE, DU ALTE SCHLAMPE!“

Eine weitere Flasche flog auf sie zu. Wenn sie keinen Schritt zur Seite gemacht hätte, wäre sie mitten ins Gesicht getroffen worden.

„Was willst du?“

„Das ist eine Meuterei! Wir wissen, wieso du das Schiff geerbt hast! Du hast dem alten Brandon ab und zu die Planke poliert! Wir sind uns einig, dass es besser wäre dich zu ihm zu schicken!“

Die Mannschaft hinter ihm johlte als Zustimmung und wieder wurden Gegenstände auf sie geworfen. Darunter auch Messer und andere Waffen.

„Also! Sei eine brave Schlampe und bück dich!“

Cate wusste, dass sie keine Chance hatte allein gegen die halbe Mannschaft zu bestehen.

„Komm doch und hols dir!“

Gewandt drehte sie sich um neunzig Grad, riss den Hut an sich und schlang den linken Arm um ein Sicherungstau. Den Hut steckte sie sich zwischen die Zähne und zückte mit der nun freien Hand ein kleines Entermesser. Damit zerschnitt sie das Seil und wurde durch die herabfallenden Segel nach oben gerissen. Es kugelte ihr fast die Schulter aus, doch die erhoffte Wirkung trat ein. Am Steg hatte die meuternde Mannschaft die Münder offenstehen und vergaßen sie anzugreifen.

Finnigan war der Erste, der sich wieder fing.

„Schnappt sie euch!“

Mit Gebrüll erwachten sie aus ihrer Starre und begannen nun auch mit Pistolen und Musketen nach ihr zu feuern.

Cate flog weiterhin durch die Luft und schaffte es sich in der Takellage zu fangen. Flink stieg sie hinauf zum Ausguck und schätzte ihre Lage neu ein.

„Verdammt!“ zischte sie zwischen den Zähnen hervor.

Sie hatte hier oben gute Deckung, doch war ihr einziger Fluchtweg nach unten. Sehr weit nach unten.

Cate wagte sich aus der Deckung hervor, zückte eine ihrer Pistolen und schoss auf den nächst besten Piraten. Plötzlich kam ihr eine Irrsinnige Idee.

Sie duckte sich, spannte jeden einzelnen Muskel ihres Körpers an und sprang. Kopf voran fiel sie hinunter und beschleunigte unablässig. Nur knapp verfehlte sie die Reling und schoss am Schiff vorbei weiter hinunter.

„Diese feige Hure! Nicht genug Mumm, um zu kämpfen hat sie!“

„Finnigan! Sie lebt!“ meldete sich einer der Piraten in der Takelage.

Tatsächlich lag Cate auf dem Gasballon eines weiter unten angebundenen Schiffes und winkte breit grinsend mit dem rechten Arm.

„Diese verdammte Hündin! Los, holt sie euch! Wer sie schnappt erhält die Hälfte des ersten Schatzes!“

Wieder brüllte die Mannschaft und stürme zurück auf den Steg. Cate hatte sich genug Zeit verschafft, um unterzutauchen. Die einzelnen Ebenen im Krähennest waren über Brücken miteinander verbunden. Allerdings folgt der Aufbau keinem System. Es würde einige Minuten dauern, bis sie bei ihr wären. Sie hatte sich aber noch nicht überlegt, wie sie wieder von dem Ballon herunterkommen sollte.

Vorsichtig bewegte sie sich zu den Seilen, die den Ballon mit dem Schiff verbanden. Sie griff nach einem davon und rutschte daran entlang nach unten. Durch die Reibung verbrannte sie sich ein wenig die Handflächen, doch ansonsten kam sie unbeschadet auf dem Deck an. Gerade als sie das Schiff verlassen wollte legte sich eine starke Hand um ihre Schulter.

„Wen haben wir denn da? Wolltest wohl n‘wenig aus der Ladekammer mitgehn lassen.“

Sie wurde unsanft herumgezogen und blickte in das Gesicht eines besonders hässlichen Piraten. Die Zähne, die ihm noch nicht ausgefallen waren, waren verfault. Dazu fehlte ihm die Nasenspitze und eine Narbe zog sich von seinem linken Ohr zum Kinn.

„Das wird den Käpt’n interessiern“

Mit festem Griff schob er sie in Richtung der Kapitänskajüte vor sich her. Sie war sich sicher dieses Schiff schon einmal gesehen zu haben, konnte sich allerdings nicht mehr daran erinnern wo.

„Scheinst ne kräftige Gör zu sein. Der Käpt’n wird Spaß haben an dir.“

Er klopfte an die Tür, stieß sie auf und warf sie hinein.

„Sieh mal, Käpt’n. Hab ne kleine Ratte gefundn“

In einer Ecke des Raumes stand ein Sessel. Die Luft war dick in Pfeifenrauch gehüllt und das Atmen fiel schwer.

„Gut. Jetzt geh.“

Der Kapitän richtete sich auf und schritt durch den Rauch. Als er gut zwei Schritte entfernt stand erkannte Cate in.

„Kapitän Hartwin!“ entfuhr es ihr überrascht.

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