• Sinnlosoph

Projekt Eden - 2. Kapitel

Die Sonne ging über der Stadt auf. Ihr Licht tauchte die verschiedenen Gerätschaften auf der Werkbank in ein warmes orange. Angelo stand mit seiner ölbeschmierten Mechanikerkleidung vor einer gut armlangen Konstruktion. Man sah ihm an, dass er wohl die Nacht hindurch kein Auge zugemacht hatte. Sie waren blutunterlaufen und sein Blick fahrig. Mit einem Seufzer riss er sich von seinem Projekt los und suchte am gegenüberliegenden Ende der Werkstatt nach einem passenden Schraubenschlüssel.

Es klopfte am Türrahmen. Aus den Gedanken gerissen blickte er verwirrt um sich und sah Alina mit einem Tablett auf ihn zukommen. Ihr Lächeln bescherte ihm eine wärmende Woge von Glück, wann immer er sie sah.

„Hast du wieder die ganze Nacht an deiner Apparatur gearbeitet? Du weißt doch, dass schlaf wichtig ist. Nicht dass du noch vor Erschöpfung tot umfällst.“

Mit gespielter Entrüstung stellte sie das Tablett auf den Tisch unter dem Regal mit den frühen Versuchen seines Projekts und kam auf ihn zu. Sie kannten sich schon einige Jahre. Sie war für Angelo so etwas wie eine Schwester, was er allerdings von ihrem Bruder nicht behaupten konnte. Sie umarmten sich zur Begrüßung.

„Hast du kurz Zeit eine Tasse Tee mit mir zutrinken bevor meine Schicht anfängt?“

Es war weniger eine Frage als eine Aufforderung, denn während sie sprach zog sie ihn zum Tisch und füllte zwei Tassen.

„Ich muss mit dir reden.“

Sie blickte ihn ernst an. Er kannte diesen Blick. Bald würde sie von sich und ihrem Bruder erzählen und er würde den Sinn der Unterhaltung nicht verstehen.

„Ich muss ebenfalls mit dir reden. Vielleicht kannst du mir helfen.“

Er beschloss diese peinliche Situation dieses Mal zu vermeiden und nahm die Führung selbst in die Hand.

„Du weißt ja, dass ich seit Wochen schon an dem Projekt für Sir Adam arbeite. Ich schaffe es aber nicht einen Leiter für die Bewegungsbefehle zu finden. Die Mechanik scheint so weit zu funktionieren, allerdings fand ich noch keinen Weg der Sache Leben ein zu hauchen.“

Während er sprach wedelte er mit seiner Apparatur vor ihrer Nase herum. Es war eine Konstruktion, die an einen Arm erinnerte. Die vielen kleinen Messingrohre und Zahnräder verschwanden zum Teil unter Kupfer- und Eisenabdeckungen. Auf der Innenseite des Handtellers befand sich eine Vertiefung für eine Art Kugel oder Kristall.

Alina passte diese Wendung gar nicht, doch sie hielt sich zurück. So wie immer.

„Wenn ich es schaffen würde, wäre das ein Durchbruch in der modernen Technologie. Ich würde in die Geschichte eingehen. Man würde mich mit Geld überhäufen. Ich müsste nie wieder Arbeiten und könnte dir und deinem Bruder ein besseres Leben ermöglichen.“

Angelo seufzte.

„Allerdings zweifle ich daran, dass ich die nötigen Fähigkeiten habe, um das Projekt Eden zu einem Erfolg zu führen.“

Nun reichte es Alina. Sie war es leid immer nur über seine Probleme bei der Arbeit zu reden. Sie wollte mehr als nur eine geschäftliche Beziehung, welche gut genug zum Teetrinken war. Langsam spürte sie, wie sich in ihr eine Wut aufbaute und sich einen Weg durch ihre Adern suchte.

„Kannst du mir nicht ein einziges Mal zuhören!?“

Hilflos schlug sie auf den Tisch. Mit solcher Wucht, dass ihre Tasse umfiel.

Durch das Klirren des Geschirrs aus seinen Gedanken geschreckt sprang Angelo auf. Dabei stieß er mit dem Knie an die Tischkante. Das Regal, welches darauf abgestützt war, begann bedrohlich zu schwanken. Es fiel nicht um, doch löste sich ein blassroter Kristall, welcher mit einem klirren in der offenen Teekanne landete. Kurz darauf begann der restliche Tee darin blutrot zu glühen.

Vorsichtig fischte Angelo den Kristall aus der Flüssigkeit, während Alina wie gelähmt dastand. Überrascht durch ihren plötzlichen Gefühlsausbruch, aber auch etwas eingeschüchtert durch die glühende Kanne.

Angelo nahm den Stein in die Hand. Das Glühen begann zu pulsieren. Zuerst ganz langsam, dann immer schneller bis es sich bei einer bestimmten Frequenz einpendelte.

Alina verstand die Welt nicht mehr. Es schien als hätte Angelo vergessen, dass sie noch im Raum war. Sie räusperte sich.

„Was ist das?“

Etwas verwirrt schaute Angelo sie an, so, als hätte er sie tatsächlich vergessen.

„Ein Prototyp. Ich habe diese neuralen Resonanzkristalle entwickelt, um sie in die mechanischen Gliedmaßen einzusetzen. Allerdings haben sie bis jetzt nie funktioniert.“

„Ist es üblich, dass sie so beängstigend leuchten?“

Angelo antwortete nur mit einem Stirnrunzeln.

„Der Kristall begann zu leuchten als er in den Tee fiel. Was ist das für ein Tee?“

„Schwarztee. Warum ist das wichtig?“

„Verstehst du denn nicht?“

Alina mochte es nicht, wenn er zu ihr sprach, als wäre sie noch ein kleines Kind.

“Irgendetwas im Tee muss die Kristalle aufgeladen haben. Sie funktionierten bisher nicht, weil ihnen die nötige Energie fehlte.“

Er legte den Stein auf den Tisch. Das pulsieren wurde etwas schwächer, doch die Frequenz blieb dieselbe.

„Alina, wenn ich mit meiner Annahme richtig liege, war alles was ich für meine Erfindung brauchte ein bisschen Tee. Der Stein pulsiert im Takt meines Herzschlages. Offensichtlich ist er nun mit meinen neurologischen Eigenschaften beschrieben. Das heißt, dass ich ihn nur noch ein zu setzen brauche und diesen Arm bewegen kann, als wäre er angewachsen.“

Um seine These zu untermauern verankerte er den Resonanzkristall in der Handfläche des künstlichen Armes. Dieser vibrierte kurz und lag dann flach auf der Werkbank. Angelo schloss seine linke Hand zur Faust. Im selben Moment bewegte sich auch die Apparatur und die metallenen Finger fügten sich ebenfalls zur Faust.

Ehrfürchtig blickte er auf die von ihm entworfene Apparatur. Mit leichten Bewegungen seiner Finger ließ er den mechanischen Arm über den Tisch wandern. Vor Freude strahlend wie ein kleines Kind zu Weihnachten wandte er sich wieder Alina zu.

„Es ist faszinierend. Ich muss sofort zu Sir Adam. Es wird ihn interessieren, dass ich heute Morgen den Durchbruch schaffte.“

In größter Eile packte er den Arm zusammen mit zwei weiteren Kristallen in eine Umhängetasche und rannte zur Tür, die hinausführte. Im Türrahmen blieb er stehen und blickte zu Alina.

„Danke, ohne dich wäre ich nie darauf gekommen. Tee! Dass es so einfach sein kann!“

Er verschwand und Alina blieb allein in der Werkstatt. Sie wusste nicht, wie sie sich fühlen sollte. Auf der einen Seite war sie wütend auf Angelo. Es schien, als sei er überhaupt nicht an ihr interessiert. Sie versuchte es nun schon seit geraumer Zeit. Doch entweder verstand er ihre Andeutungen nicht oder er wollte einfach nicht darauf eingehen.

Auf der anderen Seite freute sie sich für ihn. Wie er sagte, dass würde der Durchbruch werden. Er würde alle erdenklichen Ehrungen erhalten. Doch was nützte es ihr, wenn er danach nur noch weniger Zeit für sie hätte?

„Wenn für ihn diese verdammte Technik wichtiger ist als ich, muss ich mich damit abfinden. Oder ich zeige ihm, zu was ich fähig bin.“

Mit Tränen in den Augen verließ sie die Werkstatt. Sie beschloss nach Hause zugehen. Sie würde sich krankmelden und Trost bei ihrem Bruder suchen. Mit einem letzten, verachtenden Blick auf die Werkzeuge wandte sie sich zum Gehen.

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