• Sinnlosoph

Projekt Eden - 3. Kapitel

Aktualisiert: Juli 6

Gemeinsam gingen sie die holprige Straße entlang. Der Wagen mit der Kohle folgte mit wenig Abstand. Das Ziel war die Kokerei beim Ministerium. Dort würde man ihre Steinkohle weiterverarbeiten und anschließend in den Hochöfen der Luftfahrtgesellschaft verbrennen, um den wirtschaftlichen Wohlstand des Landes zu erhalten. Eric und Silas machten sich darüber aber keine Gedanken. Für sie war nur wichtig, dass die Kohle rechtzeitig ankommt und sie dann wieder zurück zur Miene können, um die nächste Fuhre zu holen. Es war erleichternd für einmal nicht in den Stollen arbeiten zu müssen und sowohl die Sonne als auch die frische Luft zu genießen. Sie waren nun schon einige Stunden unterwegs und die Rauchsäulen der Öfen waren bereits über den Hausdächern zu sehen.



„Wir sind gleich da. Wir sollten die Ladung vorbereiten, damit wir hier schnell fertig sind.“

Eric grunzte als Antwort. Er und sein Kumpel Silas kannten sich schon lange. Sie begannen nahezu gleichzeitig in der Miene zu arbeiten. Auch die Erscheinung der beiden war ähnlich. Beide waren durchschnittlich groß, hatten aber aufgrund der harten Arbeit Arme so dick wie Baumstämme. Die Haut und die Kleidung waren mit Kohlestaub bedeckt. Es war offensichtlich, dass diese beiden Anpacken konnten und sich für keine Arbeit zu schade waren.

Langsam fuhr der Wagen durch das Tor der Kokerei. Mit hektischem Winken machte ein Mitarbeiter auf sich aufmerksam. Er fuchtelte herum und wies sie an, die Ladung in einen Schacht rechts vom Tor zu leeren.

„Weißt du, eigentlich gefällt mir die Arbeit. Wir werden gut bezahlt, haben ein gewisses ansehen und langweilig wird es auch nie.“

Eric grunzte erneut.

Der Mitarbeiter der Firma kam nun auf sie zu, immer noch heftig mit den Armen gestikulierend.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ihr die Lieferung heute vorbeibringt. Schließlich gibt es bei der Miene genug zu tun“

Die beiden Bergleute schauten sich verwundert an. Haben sie etwa die falsche Kokerei beliefert? Der immer noch herumfuchtelnde Mann bemerkte ihren verwunderten Gesichtsausdruck.

„Ihr seid doch von der Miene nördlich von hier, die von Sir Adam?“

Er deutete auf das Wappen, das auf den Wagen gemalt war. Es zeigte das übliche Zeichen der Bergleute, Schlägel und Eisen, gekreuzt vor der Eiche die Sir Adams Wappen war. Silas nickte.

„Wir haben heute Morgen die Frachtpapiere bekommen. Darauf steht diese Adresse. Wenn es ein Missverständnis ist, muss das mit dem Steiger besprochen werden.“

Während der Arbeit im Bergwerk haben die beiden eine wichtige Lektion gelernt: Mische dich nie in die Angelegenheiten der Beamten ein.

„Das ist alles korrekt, keine Angst. Aber dann wisst ihr es noch gar nicht? Es gab einen Zwischenfall. Anscheinend ist ein Stollen, der neu angelegt und noch nicht ausreichend gesichert wurde, eingebrochen.“

Er sagte es in einem beiläufigen Tonfall. Für ihn hatte es auch keine größere Bedeutung. Den beiden Kumpel stockte allerdings der Atem.

„Dort arbeitet Oric! Wir müssen zurück und nachsehen ob wir helfen können.“

Eric nickte mit finsterer Miene. Auch er war sich bewusst, was ein Einsturz für Folgen hat. Und wie die Überlebenschancen stehen.

Im Eiltempo entluden sie den Wagen. Auch der Beamte der Kokerei half mit, was ein seltener Anblick war. Offensichtlich war auch ihm klar, dass jede Sekunde zählte. Bereits nach kürzester Zeit war die Kohle in der Grube verschwunden und auf dem Weg zur Weiterverarbeitung. Sie wendeten den Wagen, verabschiedeten sich vom Beamten und fuhren wieder aus dem Tor auf die Straße hinaus. Es ging nur langsam voran. Weder der Wagen noch die davor gespannten Pferde waren für schnelle Reisen geeignet.

„Ich hoffe wir kommen rechtzeitig an. Oric hat sich kürzlich verlobt. Wusstest du das? Ich würde es nicht übers Herz bringen seiner Zukünftigen die Nachricht zu überbringen.“

Diesmal grunzte Eric nicht. Er zeigte keinerlei Regung. Sein Blick war auf die Straße geheftet und er in Gedanken versunken. Was würde aus seiner Schwester werden, wenn ihm so etwas zustößt?

„Eric? Was ist mit dir?“

Sie hatte sonst niemanden. Wo würde sie leben? Würde sie eher verhungern oder müsste sie am Straßenrand oder beim Hafen einer neuen Beschäftigung nachgehen?

„Eric! Eric, halt an!“

Er blickte sich verwirrt um. In Gedanken versunken merkte er nicht, dass seine Schwester ein Stück hinter ihnen war und seinen Namen rief. Er hielt an und ließ sie zu ihm kommen.

„Hallo Silas. Eric, kann ich mit dir reden?“

Silas nickte ihr zu und lächelte sie freundlich an.

„Alina! Warum bist du nicht bei der Arbeit?“

Es war wohl der erste ganze Satz, den Eric heute über die Lippen brachte.

„Ich habe mich krankgemeldet. Hast du Zeit? Ich muss mit dir über Angelo reden.“

Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich noch mehr, obwohl das kaum möglich war.

„Was hat er angestellt?“

„Ich möchte mit dir allein reden, wenn das möglich ist. Können wir nachhause gehen?“

„Wir sind auf dem Weg zur Miene. Heute ist ein ungl-“

Silas fiel ihm ins Wort.

„Geh mit ihr. Nimm den Wagen und bringe ihn Später zur Miene. Ohne den bin ich vielleicht noch rechtzeitig dort. Und deine Schwester scheint dich wirklich zu brauchen.“

Im Gegensatz zu Eric ist ihm nicht entgangen, dass Alina gerötete Augen und eine belegte Stimme hatte. Ganz so, als hätte sie vor kurzem geweint.

„Aber bei der Miene…“

„Geh und nimm den Wagen! Es hilft nicht, wenn wir beide zu spät kommen.“

Eric grummelte etwas, dass man als Zustimmung werten konnte.

„Na gut. Ich bringe den Wagen am Abend zur Miene. Und falls der Steiger etwas dagegen hat kann er es mir gerne selbst sagen.“

Silas nickte und stieg ab.

„Alina, wenn du etwas brauchst, wir sind für dich da.“

Mit diesen Worten verabschiedete er sich und lief zügig die Straße entlang.

„Also, Schwesterherz, was hat Angelo heute für Dummheiten angestellt?“

Sie antwortete nicht sondern fiel ihm und den Hals. Ihre Tränen hinterließen helle Streifen an seinem vom Kohlenstaub schwarzen Hals.

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