• Sinnlosoph

Projekt Eden - 4. Kapitel

Es dauerte eine Weile seinen Weg zu Sir Adam zu finden. Es war mittlerweile Mittagszeit und auf den Straßen und den engen Gassen herrschte rege Betriebsamkeit. Dazu kam die Tasche mit dem mechanischen Arm darin, die bei jedem seiner schnellen Schritte gegen seinen rechten Oberschenkel schlug. Am Abend würde er wohl kaum mehr stehen können. Doch das war ihm egal. Als er endlich die Ufer des Flusses erreichte und in der Nähe des Ministeriums an der Tür zu Sir Adams Haus klopfte, hörte er vor Aufregung sein Blut in den Ohren Rauschen.

„Sie wünschen?“

Ein Butler in typischer schwarzer Arbeitskleidung öffnete die Tür und betrachtete Angelo abschätzig. Offensichtlich konnte er sich nicht vorstellen, dass der Hausherr einen vor Schmutz und Ölspritzern übersäten Arbeiter in seinem Haus wollte.

„Mein Name ist Angelo Correr. Ich bin leitender Ingenieur der königlichen Luftfahrtgesellschaft und arbeite für euren Herren, Sir Adam Brightmoore, an einem von ihm mitfinanzierten Projekt. Ich wünsche ihm meine neuesten Fortschritte mitzuteilen.“

Er hasste diese formellen Hindernisse, doch waren sie nötig, um überhaupt hinein zu kommen. Diese Sätze hatte er in den letzten Monaten unzählige Male aussprechen müssen. Immerhin konnte er so die eine oder andere Tür öffnen, die sonst dem Adel vorbehalten wäre.

„Ich sehe, ob der Herr Zeit hat. Bitte setzen sie sich nicht und ziehen sie ihre Schuhe aus.“

Mit einem letzten abschätzigen Blick wandte er sich um und verschwand in einem schmalen bediensteten Gang. Dass sich Angelo nicht hinsetzen durfte war ebenfalls nichts Neues. Die meisten Sitzgelegenheiten waren unbezahlbare Antiquitäten. Ein Ölfleck auf dem Polster würde ihn wohl für den Rest seines Lebens in den finanziellen Ruin treiben.

„Der Herr erwartet sie in seinem Arbeitszimmer. Wenn sie mir folgen mögen.“

Sie gingen durch die Doppelflügelige Tür auf der linken Seite. Es folgte ein langer Gang, der ebenfalls mit reichlich Prunk ausgestattet war. Durch die dritte Tür rechts gelangten sie in einen Raum, den man wohl als Bibliothek bezeichnen konnte. Der Butler führte ihn zur Tür auf der anderen Seite und öffnete sie für ihn. Angelo trat ein.

Das Arbeitszimmer erinnerte mehr an einen Saal. Die Wände waren voll mit Bücherregalen, die bis zu Decke reichten. Es gab einen kleinen Kamin und mehrere bequeme Sessel. Am Kopfende stand ein massiver Schreibtisch, welcher durch die vielen Schnitzereien eher an eine Skulptur mit abgeflachter Deckplatte erinnerte. Dahinter saß Sir Adam in seiner üblichen Militäruniform.

„Angelo! Mein Butler hat mich grob informiert. Welche Fortschritte haben sie erzielt?“

„Sir Adam, Sir, ich habe es geschafft.“

Sichtlich nervös trat Angelo von einem Bein auf das Andere und wrang die Hände.

„Ich habe es geschafft einen Arm zu produzieren, der funktioniert. Ich habe ihn dabei. Ich kann es euch zeigen.“

Schnellen Schrittes trat er an den Tisch und knallte, trotz der Gefahr etwas zu beschädigen, seine Tasche darauf. Mit zittrigen Händen kramte er die Apparatur hervor und setzte den aufgeladenen Kristall ein.

„Sehen sie, der Kristall ist aufgeladen und leuchtet. Da er auf mich geprägt wurde kann ich nun diesen Arm steuern als wäre er angewachsen.“

Zur Demonstration ballte er die Finger zur Faust und streckte sie schnell wieder. Der mechanische Arm tat es ihm gleich und fegte dabei durch die ruckartige Bewegung ein Buch vom Tisch.

„Ich hätte schon früher darauf kommen können. Tee, es braucht Tee, um die Kristalle aufzuladen. Ich vermute, dass die verschiedenen Gerbstoffe, die darin enthalten sind eine…“

„Können sie mehr davon herstellen? In kurzer Zeit?“

Angelo stockte kurz.

„Ja… Ja das geht. Der Aufbau ist nicht sonderlich kompliziert. Im Grunde funktioniert es gleich wie ein Luftschiffantrieb. Der einzige Unterschied besteht in…“

Wieder wurde er durch Sir Adam unterbrochen.

„Dann machen sie sich an die Arbeit. Fertigen sie einige Prototypen zu Demonstrationszwecken. Nicht nur Arme, sondern alles, was möglich ist.“

Mit diesen Worten nahm er ein Stück Papier und begann zu schreiben. Angelo wusste nicht recht was er tun sollte, also begann er wieder von einem Bein auf das Andere zu treten. Nach der dritten Zeile bemerkte auch Sir Adam, dass er immer noch vor ihm stand.

„Ach ja, hier.“

Er schob Angelo einen kleinen Beutel zu, der verdächtig klimperte.

„Wenn die Produktion einmal läuft gibt es mehr. Nun geh in deine Werkstatt. Wenn dir auf dem Weg mein Butler begegnet schicke ihn zu mir.“

Angelo nickte, noch immer verunsichert nuschelte er eine Verabschiedung. Ein wenig enttäuscht ging er zur Tür hinaus. Er hatte gehofft, zumindest etwas Anerkennung zu erhalten.

Sir Adam hingegen war bereits wieder in seinen Brief vertieft. Gerade als er seine Unterschrift daraufsetzte und den Brief versiegelte trat der Butler ein.

„Sie haben nach mir gerufen?“

„Sorg dafür, dass dieser Brief noch heute sein Ziel erreicht. Bringe ihn am besten selbst vorbei. Zuerst bringst du mir allerdings Charles. Ich habe einen lohnenden Auftrag für ihn.“

Der Butler nickte, verbeugte sich kurz und verschwand wieder. Sir Adam holte aus einer verschlossenen Schublade eine metallene Kassette hervor. Im Gegensatz zum Rest des Hauses war sie schlicht und ohne Verzierung. Ein ganz und gar funktioneller Gegenstand.

Er öffnete die Kassette und begann das Geld darin abzuzählen und auf mehrere Häufchen zu verteilen.

Charles war schon von weitem zu hören. Seine schweren Stiefel stampften auf dem Parkett und die raue Stimme durchdrang die schwere Tür. Diese wurde mit so viel Schwung aufgeschlagen, dass sie vom Regal abprallte und zurückfederte.

„Ich hoffe, dieses Mal lohnt es sich wirklich. Ich lasse mich nicht wieder mit Almosen abspeisen.“

Der rüpelhafte Auftritt passte zu seinem Äußeren. Seine Kleidung hatte schon bessere Tage gesehen und seine Gesichtszüge waren mindestens so wild wie die schwarze Mähne und die Bartstoppeln, die sie umrahmten.

Sir Adam wies auf einen Stuhl.

„Setz dich zunächst einmal. Bitte.“

Charles zog den Stuhl ein wenig näher zum Schreibtisch, setzte sich darauf und schwang die Füße auf die Tischplatte. Mit einem Schmatzen lehnte er sich zurück, so dass er auf den hinteren Stuhlbeinen balancierte.

„Wen soll ich umhauen und vor allem wie viel gibt’s?“

Sir Adam war es nicht gewohnt mit niederem Fußvolk zu verhandeln. Aber Charles war der Beste für diese Arbeit.

„Angelo Correr. Er ist Ingenieur bei der königlichen Luftfahrtgesellschaft. Bring mir die Pläne aus seiner Werkstatt und sorge dafür, dass er aus dem Weg ist.“

Er schob einen Brief sowie eines der Münzhäufchen zu ihm hinüber.

„Wo seine Werkstatt liegt und was ich genau brauche steht darin. Wenn du deine Arbeit gut machst gibt es nochmal das Vierfache.“

„Da lässt du dich zur Abwechslung einmal nicht lumpen. Abgemacht.“

In seinen Augen blitze Habgier, als er den Haufen Geld sah. Er spuckte in die rechte Hand und hielt sie Sir Adam entgegen. Dieser machte allerdings keine Anstalten es ihm gleich zu tun.

„Sei Mal nicht so spießig und schlag ein!“

„Dein Wort genügt mir. Mach einfach was ich dir sage und wir werden beide zufrieden sein.“

„Immer das gleiche mit euch Adligen. Wenn ihr noch ein bisschen verklemmter wärt könntet ihr nicht einmal mehr scheißen.“

Charles schwang die Füße wieder auf den Boden und steckte sich sowohl Geld als auch Brief in die Taschen.

„Sorg dafür, dass das Geld schon gezählt ist, wenn ich wiederkomme. Ich habe da noch einen Termin mit einer der Schönheiten an der Anlegestelle“

Genau so energisch wie er das Zimmer betrat verließ er es wieder. Die Tür knallte hinter ihm zu und für einen kurzen Moment befürchtete Sir Adam, dass der Rahmen beim Schloss splittern könnte.

Alles in allem war er sehr zufrieden. Sein Plan stand kurz vor der Vollendung. Das unangenehme lag bereits hinter ihm. Nun musste er nur noch warten und so seinem Ziel von Minute zu Minute näherkommen.

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