• Sinnlosoph

Projekt Eden - 5. Kapitel

Aktualisiert: Juli 6

Eric war wütend. Er war so wütend, dass er fürchtete sich nicht beherrschen zu können, wenn er Angelo finden würde. Nachdem sich Alina ein wenig beruhigt hatte und sie Zuhause eine Tasse Tee getrunken hatten, erzählte sie ihm alles. Der Vorfall an sich war nicht schlimm. Allerdings war es nicht das erste Mal, dass Angelo seine Schwester auf diese Weise verletzte.



Schnellen Schrittes ging er durch die Gassen im Industrieviertel. Jetzt, am Nachmittag, waren die Wege größtenteils frei. Dafür waren aus den einzelnen Häusern die Geräusche reger Arbeit zu hören. Mal hämmerte es, Mal kreischte eine dampfbetriebene Säge. Auch die Luft war unangenehm stickig zwischen den dicht aneinander gebauten, zweistöckigen Ziegelhäusern, die alle gleich aussahen. Über ihm flogen die Luftschiffe des britischen Handelsimperiums, die ein beständiges Brummen im Hintergrund erzeugten.

Als er endlich in die Gasse abbog, wo Angelos Werkstatt stand, blickte er sich um. Das Hauptgebäude der königlichen Luftfahrtgesellschaft stand drohend hinter der Häuserreihe. Gerade als er die Tür der Werkstatt öffnen wollte sah er Angelo um die Ecke kommen. Immer noch wütend stampfte er auf ihn zu.

„Angelo! Komm her du schmieriger, kleiner Zahnradschubser!“

Angelo erstarrte in der Bewegung und Eric baute sich drohend vor ihm auf. Da er ohnehin doppelt so breit war wie Angelo, sah das ganze etwas theatralisch aus.

„Was hast du wieder angestellt? Hast du überhaupt eine Ahnung wie es ihr jetzt geht? Ich sollte dich ungespitzt in den Boden rammen!“

Gerade als er zu einer saftigen Ohrfeige ausholte ertönte ein Splittern hinter ihm. Etwas überrascht blickte er hinter sich und sah, dass ein Fenster der Werkstatt von innen eingeschlagen wurde.

Angelo überlegte nicht lange. Er zwängte sich an Eric vorbei, um nachzusehen was in seinem zweiten Zuhause vorging. Kurz darauf folgte ihm Eric.

Der Anblick, der sich ihnen bot als sie die Tür aufstießen trieb Angelo die Tränen in die Augen. Seine sauber sortierten Werkzeuge und Apparaturen, die Stapel an Plänen und Notizen, alles war wild verstreut und zum Teil mit Öl beschmiert oder zerrissen. Verantwortlich für das Chaos waren grobschlächtige Kerle, die offensichtlich nach etwas suchten.

„Wen haben wir da? Scheint als würde es einfacher als geplant werden.“

Der Sprecher war offensichtlich der Anführer. Er stand auf einer Werkbank und überblickte das Durcheinander. Nun, da er sie entdeckte, blitzte eine schelmische Schadenfreude über sein wildes Gesicht.

„Und er hat einen Freund dabei? Gut, dann werden wir ihn auch gleich aus dem Weg räumen. Vielleicht gibt es einen Bonus. Rupert! Schnapp sie dir!“

Der Einbrecher, der ihnen am nächsten war zog ein langes Fleischermesser aus einem versteckten Heft im Stiefel und grinste sie dämlich an. Angelo war wie gelähmt. Eric hingegen reagierte blitzschnell, hob einen schweren Schraubenschlüssel auf und schubste Angelo zur Tür hinaus.

Der Schläger Rupert stürmte auf ihn los und fuchtelte dabei wild mit dem Messer. Eric konnte der Klinge ausweichen indem er sich fallen ließ. Halb liegend schwang er den Schraubenschlüssel und zertrümmerte das linke Knie des Räubers.

„Das Kätzchen will spielen? Dann nimm dich vor dem Wolf in Acht!“

Der Anführer des Trupps zog den Säbel an seinem Gürtel und sprang vom Tisch. Eric wusste, dass er kaum gegen drei dieser Typen bestehen konnte. Zumindest nicht, wenn er nur einen Schraubenschlüssel zur Verteidigung hatte. Er rappelte sich auf und stolperte zur Tür hinaus. Angelo stand wie vom Donner gerührt da und bewegte sich nicht.

„Lauf, kleiner!“

Er schob ihn ein wenig vor sich her, bis er zu rennen begann. Gemeinsam liefen sie die Gassen entlang in Richtung Stadtrand, doch bei der ersten Biegung stolperte Angelo und fiel der Länge nach hin. Ihre Verfolger waren ihnen dicht auf den Fersen.

„Mach mir nicht schlapp, sonst schwöre ich, bringe ich dich um!“

Angelo wurde kurzerhand von Eric aufgehoben. Mit ihm auf der Schulter ging es weiter durch die Gassen. Ihre Verfolger holten allerding langsam auf.

„Schneller Eric, sie holen auf!“

Er grunzte. Zum einen als Antwort, aber vor allem vor Anstrengung. Angelo kramte in den Taschen seines Kittels und zog eine kleine Ölpumpe hervor.

„Nimm das!“

Einer der Schläger schloss so nah auf, dass er bereits mit seinem Knüppel zum Schlag ausholte. Angelo spritzte ihm die Schmiere direkt ins Gesicht. Er stürzte, überschlug sich und blieb liegen.

„Volltreffer!“

Einen kleinen Triumphschrei konnte er sich nicht verkneifen. Nun waren nur noch zwei hinter ihnen her. Der Anführer mit dem Säbel wirkte tatsächlich ein wenig wie ein Wolf bei der Hetzjagd.

Mittlerweile hatten sie die Stadt verlassen. Eric rannte nun einen Feldweg entlang, der sie zu einer Miene führen würde. Das brennen in seinen Beinen wurde unerträglich. Gerade als er das Gefühl hatte, um zu fallen hörte er ein Brummen. Es wurde immer lauter bis er feststellte, dass es von oben kam.

Es war ein Luftschiff. Allerdings keines aus der königlichen Flotte. Anders als diese sah es heruntergekommen aus. Die Planken an der Reling waren zum Teil gesplittert und die Takelage hing stellenweise nutzlos hinab. Offensichtlich war das Schiff vor kurzem in einen Kampf verwickelt.

Eric blieb stehen und stellte Angelo auf den Boden. Die Verfolger waren offensichtlich genau so überrascht von der Erscheinung, denn sie waren ebenfalls einen Steinwurf von ihnen entfernt stehen geblieben. Alle vier blickten nach oben und fragten sich, was es damit auf sich hatte.

Plötzlich begannen sich die Schemen an Bord des Schiffes zu bewegen. Es lösten sich kleine Brocken vom Schiff und fielen hinunter. Erst als es zu spät war erkannten sie, was diese Brocken waren.

„Runter!“

Eric warf sich auf den Boden und schützte seinen Kopf mit den Armen. Angelo war nicht so schnell. Als die Kugeln den Boden berührten explodierten sie in einem grellen Blitz.

Als es wieder ruhig und dunkel wurde sah sich Eric um. Angelo war ohnmächtig. Vermutlich wurde er von einer Granate am Kopf getroffen. Die Verfolger befanden sich im unfairen Kampf mit der Besatzung des Schiffes und auch auf ihn stürmten bereits zwei Matrosen zu.

„Oh nein, heute nicht.“

Er fasste einen Stein, der am Wegesrand lag und schleuderte ihn dem vorderen der beiden Angreifer ins Gesicht. Die Wucht des Aufpralls erzeugte ein Knacken und warf ihn zurück. Dem zweiten Angreifer wich er in letzter Sekunde aus und stellte ihm ein Bein. Schnell versetzte er dem am Bodenliegenden noch einen Tritt gegen den Kopf. Er nahm ihm sein Messer ab und ging zu Angelo.

Mittlerweile waren ihre Verfolger tot. Die Lage schien sich aber nicht zum Besseren gewendet zu haben. Er stand nun bei Angelo, bereit, ihn bis zum Tod zu verteidigen und wurde von gut einem Dutzend Männer und Frauen eingekreist. Jedem davon sah man an, dass sie es gewohnt waren Blut zu vergießen.

Eric drehte sich langsam und wie eine Feder gespannt um die eigene Achse. Er hatte kaum eine Chance zu bestehen, aber einfach würde er es den Plünderern nicht machen.

„Lass die Waffe fallen, dann passiert dir nichts.“

Eine Frau sprach. Sie hatte einen leichten Akzent, den Eric nicht einordnen konnte. Er schnaubte und spannte demonstrativ die Muskeln an. Die Frau trat in den Kreis.

„Wem willst du etwas beweisen? Lass das Messer fallen.“

Wieder schnaubte er und ging zum Angriff über. Er wollte einen Stich vortäuschen, um ihren schönen Schenkel aufzuschlitzen. Doch kaum war er bei ihr, war sie verschwunden. Noch bevor er sich fragen konnte wo sie war wurde es schwarz.

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