• Sinnlosoph

Projekt Eden - 6. Kapitel

Aktualisiert: vor 6 Tagen

„Dann wollen wir mal sehen, was wir hier haben.“

Mit Schwung wurde ein Eimer Wasser über die beiden Gefangen geleert, die am Mast festgebunden waren. Prustend kamen sie zu sich. Angelo sah man an, dass ihm die Situation überhaupt nicht gefiel, während Eric nur finster dreinblickte.



„Schön, dass ihr wach seid. Wenn ihr mir einige Fragen beantwortet seid ihr auch schnell wieder frei. Oder tot, je nachdem.“

Er grinste hämisch und entblößte sein lückenhaftes Gebiss, was sein von Pockennarben verunstaltetes Gesicht zu einer schaurigen Fratze machte.

„Fangen wir mit dem kleinen an. Wie heißt du?“

„A-a-a-angelo, ich heiße Angelo.“

„Nicht so schüchtern, ich tu dir nichts. Noch nicht. Was wollte Charles von euch?“

„W-w-wer ist Charles?“

Ein Messer pfiff durch die Luft und bohrte sich nur einen fingerbreit neben Angelos Ohr in den Mast.

„Aaahh! Ich weiß nichts, wirklich nicht, ich habe keine Ahnung. Das müsst ihr mir glauben, ich habe keine…“

Der Mann trat an ihn heran und schlug ihn mit dem Knauf seines Entermessers gegen die Schläfe

„Der ist keine Hilfe. Schafft ihn unter Deck. Vielleicht weiß der Dicke mehr. Wie heißt du?“

Eric schwieg.

„Bist dir wohl zu fein. Mal sehen ob dir das gefällt.“

Mit dem Messer ritzte er Erics Arm auf. Dieser ließ allerdings keine Regung erkennen.

„Immer noch nichts? Und wie ist es damit?

„Finnigan! Lass das sein! Ich übernehme, geh ans Steuer!“

Gerade als Eric die Messerspitze unter seinem Fingernagel spürte meldete sich eine Frau. Es war dieselbe Stimme, wie jene am Boden. Sehen konnte er sie allerdings nicht.

„Entschuldige die grobe Art. Mein erster Maat ist nicht der Feinfühligste.“

Sie trat in sein Sichtfeld. Die Frau war schön. Während dem Kampf hatte er es nicht bemerkt, da er wirklich andere Sorgen hatte. Jetzt, da er an den Mast gefesselt und bewegungsunfähig war konnte er es nicht mehr übersehen.

Das rot glänzende Haar fiel ihr in leichten Wellen bis knapp über die Schultern. Einige Sommersprossen verliehen ihrem Gesicht eine Kindlichkeit, die in Kontrast zu den harten, dunkelgrünen Augen standen. Eine feine Narbe teilte ihre linke Augenbraue und setzte sich darunter bis über die Wange fort. Abgerundet wurde das Gesicht von einer kleinen Stubsnase, vollen Lippen und einem spitz zulaufenden Kinn.

„Ich hoffe, mit mir sprichst du eher als mit ihm“

Selbst wenn er dazu bereit gewesen wäre hätte es Eric nicht geschafft. Die Frau vor ihm war der Inbegriff dessen, was er als schön empfand. Die Haut war leicht gebräunt, die Hände rau und der ganze Körper gestählt, ohne zu männlich zu wirken. Dafür sorgten nicht zuletzt die ansehnlichen Rundungen, die von einem ledernen Mieder am Platz gehalten und betont wurden.

„Anscheinend nicht. Ich verstehe dich. Wenn ich an einen Mast gefesselt wäre würde ich auch kein Wort über die Lippen bringen.“

Sie löste die Knoten an Erics Handgelenken.

„Ich heiße Catherine. Nenn mich Cate, wenn du willst.“

Sie streckte ihm ihre rechte Hand entgegen. Er ergriff sie und war von ihrem starken Händedruck überrascht.

„Eric. Ich heiße Eric Cullen.“

„Freut mich. Der Typ, der euch verfolgte hieß Charles. Weißt du etwas über ihn?“

„Nein“

„Dacht ich mir. Er ist, oder besser, er war ein Schläger. Einen, den man anheuern kann, um Probleme aus dem Weg zu schaffen. Nach allem was wir wissen arbeitete er die letzte Zeit über für einen Adligen. Sir Adam Brightmoore oder so heißt der Schnösel. Uns hat er jedenfalls vor gut einer Woche erwischt. Seitdem suchten wir ihn.“

„Wo sind wir eigentlich?“

Eric blickte sich um. Er war noch ein wenig benommen, weshalb es ihm nicht schon früher aufgefallen war.

„Auf einem Luftschiff. Genauer gesagt meinem Schiff, der eisernen Jungfrau.“

Nun fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die Planken am Boden waren aus gutem Zedernholz, welches an vielen Stellen ausgebessert und teilweise durch neue ersetzt wurde. Die Reling wurde ebenfalls schon öfters repariert und hatte bestimmt schon bessere Zeiten gesehen. Am Markantesten war jedoch der riesige Ballon, der über ihm schwebte. Aus speziell beschichtetem Tuch gefertigt hielt dieser eine Art Gas, welches für den nötigen Auftrieb sorgte. Am Platz gehalten wurde er durch hunderte Meter Seil, die teilweise so dick wie ein Arm waren. Nun hörte er hinter sich auch den Dampfmotor, welcher für den nötigen Antrieb sorgte. Klackernd und zischend arbeitete dieser unermüdlich und setzte unzählige Zahnräder aus Messing in Bewegung. Eric war kein Mechaniker wie Angelo, doch selbst er erkannte, dass auch der Motor schon bessere Zeiten gesehen hatte.

„Etwas grob, nicht?“

„Wir sind Piraten, da braucht es einen Namen, vor dem man Angst haben kann.“

Ein Schauder lief über Erics Rücken. Ausgerechnet von Piraten mussten sie gefangen genommen werden. Nun, da er wusste was sie war erschien ihm Cate nicht mehr so perfekt wie zuvor. Sie bemerkte seinen Stimmungsumschwung.

„Keine Angst, wenn wir euch was antun wollten, hätten wir das längst getan. Finnigan ist da eine Ausnahme. Der quält einfach gerne.“

„Was habt ihr dann mit uns vor?“

Seine Stimme war etwas brüchig, doch er beschloss sich so wenig wie möglich anmerken zu lassen.

„Ich weiß nicht. Vielleicht Lösegeld erpressen? Oder rekrutieren? Oder wir werfen euch einfach über Bord.“

Keine dieser Aussichten gefiel Eric. Das Lösegeld konnte Alina nicht aufbringen. Selbst zum Piraten werden war ebenfalls keine Option, da es jeder moralischen Regel in Erics Leben wiedersprach. Und über die Planke zu gehen stellte er sich als ziemlich endgültig vor.

„Erzähl mir etwas über euch. Dann kann ich vielleicht besser entscheiden was mit euch geschieht.“

„Ich arbeite in den Kohlemienen. Angelo ist Ingenieur. Er kam vor acht Jahren aus Italien herum zu studieren. Von da an war er irgendwie ein Freund der Familie, vor allem meiner Schwester.“

„Soso…“

Cate musterte ihn von oben bis unten.

„Du wärst ein mieser Pirat. Zu aufrichtig, zu ehrlich. Du würdest es nicht lange schaffen. Kein Pirat würde die Wahrheit über seine Herkunft verraten. Aber du gefällst mir.“

Sie lächelte ihn an und Erics Herz setzte kurz aus.

„Ich will dir mal was über mich erzählen. Ich wurde auch auf diesem Schiff gefangen genommen, zusammen mit meinen Eltern. Damals gehörte das Schiff noch Brandon Smith. Er plünderte damals den Süden und nahm mich auf, als meine Eltern als Sklaven verkauft wurden. Ich lernte viel von ihm. Wie man eine Mannschaft befehligt, ein Schiff steuert, Feilschen und Betrügen, aber auch wie man richtig säuft. Als er dann vor einigen Jahren starb, erbte ich das Schiff und die Mannschaft. Ich beschloss meine Heimat zu verlassen und wir flogen hier her. Und nun sind wir hier.“

Eric folgte ihren Ausführungen gespannt. Er war fasziniert von ihrer Geschichte und gleichzeitig angewidert von dem, was sie war. Als sie mit der Erzählung fertig war fiel ihm auf, dass ihm der Mund offenstand und er sie anglotzte. Schnell wandte er sich ab und beobachtete die Wolken um sie herum.

„Und was habt ihr nun mit uns vor?“

Cate zögerte kurz.

„Wir seilen euch ab. Wir haben keinen Streit miteinander und ihr wart nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Zudem gibt es bei euch wohl nichts zu holen.“

Sie lächelte ihn ein weiteres Mal an.

„Finnigan! Bill! Macht sie bereit zum Abseilen!“

„Käpt’n, warum töten wir sie nicht?“

„Weil ich sage, dass wir sie abseilen. Verstanden Finnigan?“

„Aber Käpt’n! Wäre es nicht einfacher, wenn wir sie einfach um die Ecke bringen?“

Cate zog blitzschnell ihren Säbel, den sie am Gürtel trug und klatschte mit der Flachseite auf seine Schenkel.

„Ich hab dich nicht nach deiner Meinung gefragt. Tu einfach was ich dir sage.“

„Aye…“

Von jetzt an ging alles schnell. Angelo wurde wieder aus dem Frachtraum geholt und Eric wurden die Hände gefesselt. Die beiden Piraten schlangen ein weiteres Seil um die beiden Gefangenen und befestigten es an der Reling. Sie wurden bis zum Rand des Schiffes gedrängt und zwei weitere Matrosen machten sich bereit sie abzuseilen.

„Cate! Verrate mir nur etwas. War die Geschichte wahr, die du mir erzählt hast?“

Sie lächelte ihn ein drittes Mal an. Allerdings erkannte er diesmal eine gewisse Traurigkeit in ihren grünen Augen.

„Wer weiß? Ich bin Pirat.“

Sie trat auf ihn zu und steckte ihm ein kleines Messer hinten in die Hose.

„Das wirst du brauchen, wenn ihr gelandet seid. Und halte dich von diesem Brightmoore fern. Der bringt nur Ärger. Vielleicht sieht man sich wieder.“

Sie stieß ihn von der Kante und die beiden Matrosen ließen das Seil langsam hinuntergleiten. Gut zwanzig Schritt unterhalb des Kiels stoppten sie und schwebten durch die Luft.

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