• Sinnlosoph

Projekt Eden - Prolog

Aktualisiert: Juli 6

Es war harte Arbeit. Die Welt wurde von der untergehenden Sonne in Gold getaucht. Die Halme der Gräser und Äste der Bäume wiegten sich sanft in einem kaum wahrnehmbaren Windhauch. Alles wirkte so paradiesisch, dass kaum einer auf den Gedanken käme hier nach dem Mann zu suchen, welcher wohl am meisten Blut an den Händen hatte und zeitgleich den brillantesten Geist des Jahrhunderts besaß.



Annette wusste es allerdings besser. Ihre Arbeit zwang sie eben diesen Mann mehrmals täglich zu besuchen. Sie wählte dieses Leben aus freien Stücken. Auf der Suche nach etwas, dass sie nicht kannte und trotzdem spürte, verschlug es sie auf die abgelegenste Insel der bekannten Welt. Sie wusste, dass ihre Suche hier ein Ende finden würde. Wie dieses allerdings aussehen würde konnte sie noch nicht erahnen.

Es wurde Zeit für den letzten Einsatz vor dem Abendbrot. Es gab bereits einige Anzeichen dafür, dass es der letzte Besuch sein würde, den ihr Patient jemals empfangen wird. So machte sie sich auf den Weg durch die Korridore des Anwesens. Wie die letzten zwei Jahre zuvor begegnete ihr niemand während sie zum Gemach des Herren ging. Um diese Uhrzeit waren die Angestellten in der Küche. Besucher hatte es nie viele.

Vor der schweren Eichentür blieb sie stehen. Das tat sie immer. Sie prüfte ihr Sanitätsgeschirr, obwohl sie es heute wahrscheinlich nicht benötigen würde. Mit einer schnellen Handbewegung fegte sie sich eine hellbraune Haarsträhne zurück, die sich aus dem sorgfältig gebundenen knoten gelöst hatte und strich ihre Kleidung glatt. Nach einem letzten tiefen Atemzug trat sie ein.

Im Zimmer war es stickig und die Fenster beschlagen. Es roch unangenehm nach einer Mischung aus verschiedenen Ölen, getrocknetem Blut und Erbrochenem. Ihr Patient lag ausgestreckt auf dem Bett und hielt sich den Bauch. Auf seiner Stirn stand kalter Schweiß, sein Gesicht war vor Schmerzen verzerrt. Dieses Mal war er allerdings nicht allein.

Zwei Mönche waren bei ihm. Beide trugen die schlichten braunen Roben ihres Ordens. Der eine bereitete gerade eine Weihrauchmischung vor während der andere vor dem Bett kniend betete. Durch das Geräusch der sich schließenden Tür aufmerksam geworden, unterbrach der Betende seine Litanei und blickte zu ihr auf. Er erhob sich und trat auf sie zu.

„Gott segne euch! Seid ihr die Sanitäterin, die sich um den ehrenwerten Herrn kümmerte?“

Sie nickte.

„Mein Name ist Annette. Ich danke euch, dass ihr so schnell kommen konntet.“

Sie reichte ihm die Hand zum Gruß.

„Mein Name ist Sebastien. Das ist Bruder Gabriel. Es war notwendig, dass wir so schnell wie möglich kamen. Eurem Brief zufolge blieb uns nicht viel Zeit. Wir fürchteten schon zu spät zu kommen.“

Ein Stöhnen unterbrach die kurze Unterhaltung. Über Sebastiens Gesicht legte sich ein Schatten der Besorgnis.

„Es ist bald so weit, wir sollten anfangen.“

Gabriel beendete seine Vorbereitungen. Aus dem Kessel stieg bereits ein dünner, blaugrauer Rauchfaden. Er begann in gemäßigtem Schritt um das Bett zu gehen, unablässig den Kessel schwingend, um den Weihrauch im Raum zu verteilen. Sebastien stellte sich neben das Krankenlager und begann mit der letzten Ölung. Für Annette war es das erste Mal, dass sie an solch einer Zeremonie teilnahm. Zunächst ließ sie die Szenerie auf sich wirken, bis ihr bewusst wurde, dass auch sie ihren Teil dazu beitragen musste.

Sie holte die Schüssel mit warmem Wasser von der Kommode, kniete sich neben den im Sterben liegenden Herrscher und begann den Schweiß von seiner Stirn zu waschen.

Ein schmerzerfüllter Schrei durchschnitt die stickige Luft. In wenigen Minuten würde es vorbei sein. Sebastien kam zum Schluss der Salbung:

„Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen, er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes: Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich, in seiner Gnade richte er dich auf.“

Bei seinen letzten Worten verkrampfte sich der Körper. Nach einem inneren Kampf, dessen Ausgang im vornherein bereits bestimmt war, entspannte er sich mit einem leisen Röcheln. Annette fühlte den Puls an Hals und Handgelenk.

„Er ist von uns gegangen.“

Die Mönche nickten und verließen langsam den Raum. Annette hingegen stand die schwerste Arbeit noch bevor. Sie musste den Leichnam des einstigen Staatsherrn für die Bestattung vorbereiten.

Aus dem Abendessen würde heute wohl nichts mehr werden. Sie wollte die Fenster öffnen und schlug dafür die schweren Vorhänge zurück. In dem Moment als sie ihre Hand auf den Fenstergriff legte durchfuhr sie ein eisiger Schauer. Von einer dunklen Vorahnung getrieben drehte sie sich um. Im Rauch verhangenen Raum war niemand zu sehen.

Nach genauerer Betrachtung erkannte sie, dass sich der Dunst gut zwei schritt vor ihr sammelte, sich verdichtete. Bald schon war kein Rauch mehr außerhalb dieses Fleckes. Er formte sich unablässig neu, bis er die Gestalt von Annette annahm. Es war aber nicht sie, es war eine dunkle Kopie ihrer Erscheinung, welche über eine makellose Schönheit verfügte. Annette war wie gelähmt von diesem Anblick. Erst als der Geist aus rauch zu lächeln aufhörte und den Mund zu einem Schrei aufriss konnte sie ihre Lethargie durchbrechen.

Ebenfalls schreiend riss sie das Fenster auf. Der Geist schoss auf sie zu, durchdrang sie und verschwand durch die Öffnung hinter ihr. Annette fühlte sich schwach. Sie zitterte am ganzen Körper. Die Erscheinung hinterließ keine physische Wunde, doch Annette spürte, dass etwas mit ihr geschehen war.

Sie beschloss das aufbereiten von der Leiche einer anderen Sanitäterin zu überlassen. Sie war müde und wollte nur noch schlafen. Auf dem Weg zu ihrem Zimmer traf sie wie üblich auf Eileen. Sie war ebenfalls für die medizinische Versorgung des Exilanten zuständig. Sie verstanden sich gut, sofern sie einmal Zeit hatten sich zu unterhalten.

„Hallo Annette! Ich habe dir dein Essen auf dein Zimmer bringen lassen. Geht es dir nicht gut? Du siehst krank aus!“

So war Eileen. Fürsorglich und gutmütig. Das war auch der Grund, weshalb sie diesen Beruf ausübte. Annette fühlte sich ein wenig unwohl dabei, ihre hilfsbereite Art auszunutzen. Doch sie war so müde.

„Es war ein ganzes Stück Arbeit. Könntest du es für mich zu Ende bringen? Ich brauche etwas Ruhe.“

Eileens Blick war voller Mitgefühl. Sie lächelte kurz, nickte und ging in Richtung des Leichnams, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

Annette gelangte endlich zu ihrem Zimmer. Es war schlicht eingerichtet. Ein einfaches Bett, ein Spiegel mit einem kleinen Waschbecken und eine kleine Kommode mit ihrer Arbeitskleidung. Mehr benötigte sie nicht. Ihr essen stand wie versprochen bereit. Es war noch warm. Annette jedoch hatte keinen Appetit. Die Fischsuppe mit eingelegtem Gemüse gab es ohnehin jeden zweiten Tag.

Sie war so müde. Mit Anstrengung schaffte sie es ihre dreckige Kleidung ab zu streifen. Um ihr Nachthemd anzuziehen fehlte ihr die Kraft und so fiel sie nur in ihrer Unterwäsche bekleidet auf ihr Lager. Kaum hatte sie ihren Kopf auf das Bündel Stroh gebettet fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Sie träumte, wie sie durch einen Wald gejagt wurde. Sie kannte den Ort nicht. Sie wusste nicht wer oder was hinter ihr her war. Alles was sie wusste war, dass sie sterben würde sollte es sie einholen.

Nach einer scheinbar endlosen Jagd durch den Wald änderte sich die Umgebung.

Sie wurde steinig und uneben. Annette lief unermüdlich weiter, bis sie eine Klippe erreichte. Erst in letzter Sekunde konnte sie ihren Lauf abbremsen. Sie drehte sich um und suchte nach ihrem Verfolger. Doch wo Augenblicke zuvor noch Wälder und Steine waren, erblickte sie nur eine verwüstete, tote Landschaft, die von grotesken Gebilden aus Stein und Holz übersät war.

Sie fühlte, wie sie eine Enge zu erdrücken drohte. Sie wollte schreien, konnte aber keine Luft holen. Sie wollte sich vor Schmerzen winden, doch ihre Gelenke gehorchten ihr nicht mehr. Kurz bevor ihr Körper zur Gänze aufgeben wollte, wachte sie auf.

Sie lag noch immer in Unterwäsche auf ihrem Lager. Es war zerwühlt und klebte vor Schweiß an ihrem Körper, obwohl durch das offene Fenster ein eisiger Wind wehte. Vielleicht hatte sie sich wirklich eine Krankheit eingefangen? Der Traum war ähnlich verstörend wie sie es von anderen im Fieberwahn kannte.

Sie beschloss das Fenster zu Schließen und sich ein wenig Frisch zu machen. Mit beiden Händen schöpfte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht. Es tat gut, es hatte etwas Belebendes. Beim Aufrichten streifte ihr Blick den Spiegel. Dabei fiel ihr eine Haarsträhne auf, welche nass an ihrer Wange klebte. Sie wollte sie beiläufig zurückstreichen, doch mitten in der Bewegung erstarrte sie. An ihrer Schläfe entsprang ihr eine einzelne Strähne pechschwarzen Haars, welche sich deutlich von ihrem natürlichen braun abhob.

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