• Sinnlosoph

Feuerkrieger - 1. Kapitel: Auf der Flucht

Der Tag neigte sich dem Ende zu. Die königliche Eskorte wurde langsam müde, doch eine Rast stand noch lange nicht an. Bis nach Mitternacht mussten sie auf den Beinen bleiben. So war der Befehl. Keiner der Garde verstand warum, aber ebenso wollte niemand etwas dagegen vorbringen. Sich dem direkten Befehl Ihrer Majestät, König Jonathan III, zu wiedersetzen galt als Hochverrat. Dies beinhaltete auch, um eine Rast zu bitten.



Ein erster Blick ließ nichts Erhabenes von dieser Gruppe schweigender Reiter vermuten. Sie bestand aus einem Dutzend schwer gerüsteter Kavalleristen, die sich um einen gewöhnlichen Handelskarren scharten und allesamt missmutig die Landschaft beobachteten oder stur auf die Zügel in ihren gepanzerten Händen starrten. Auf dem Karren, der von zwei schwarzen Pferden gezogen wurde, saßen zwei Menschen. In Lumpen gehüllt, sahen sie nur wenig besser aus als ein Bauer, der zwei Wochen Frondienst geleistet hatte. Auf der Ladefläche lagen einige Kisten und Fässer mit Vorräten und vereinzelte Waffen. Alles sah vielmehr nach einer Festnahme zweier Halunken aus, denn einer Eskorte.

Travos ritt vorne an der linken Flanke. Als er vor drei Jahren bei der Leibgarde des Königs aufgenommen wurde, hätte er nicht gedacht, dass er sich einst seine sorglose Zeit im Norden zurückwünschen würde. Damals, vor dem Krieg, als er noch als Junge auf der Suche nach Jagdwild durch die Wälder und Täler streifte. Oder wie er die Berge erklomm und sich selbst beweisen wollte, dass kein Gipfel zu hoch war und er ihn besiegen konnte. Alles hatte sich geändert.

Heute ist er in einer der angesehensten Bataillone des neuen Reiches und flieht - mit dem Rücken zum Feind. Er seufzte und starrte in die Ferne. Immerhin war es hier im Herzen des Reichs nicht so kalt wie in seiner Heimat. Die Landschaft war jedoch nicht halb so berauschend. Eine mehrheitlich flache Gegend, mit zumeist nichts weiterem als Gras bewachsen. Nur vereinzelt waren kleinere Hügel oder Ansammlungen von Bäumen auszumachen, welche die Bewohner stolz Wälder nannten. Sie hatten ja keine Ahnung. Wo er herkam waren die Forste so weitläufig, dass es Tage, wenn nicht sogar Wochen dauerte sie zu durchqueren. Dabei konnte einem so manches wiederfahren. Die wenigen Wildtiere, die es im Süden gab, waren alles scheue Kreaturen, welche beim leisesten Anflug von Gefahr das Weite suchten. Auch gab es hier keine fiesen Kobolde oder Goblins, welche dein Lager ausraubten während du schliefst und dir einen Dolch zwischen die Rippen als Ausgleich schenkten. Jedenfalls war das bis vor einigen Monaten so.

Ein lautes und herzhaftes Gähnen ließ ihn aus seinen Überlegungen aufschrecken. Es kam vom König. Er schien die Erschöpfung seiner Garde zu teilen, obwohl er den ganzen Tag nichts anderes tat als da zu sitzen und gelegentlich nach etwas Wasser oder Essen zu rufen.

Travos blickte in die Gesichter seiner Kameraden. Die meisten versuchten sich verzweifelt wach zu halten und irgendwie abzulenken. Nur zwei bildeten eine Ausnahme. Hauptmann Rick, der wie immer die Umgebung aufs schärfste beäugte, um eventuelle Hinterhalte auszumachen und sein Freund Andro.

Dieser lächelte stumm vor sich hin und schien im Rhythmus einer Musik, die nur er selbst hörte, seinen Kopf von einer Seite zur anderen zu bewegen. Er war ein seltsamer Mann. Ebenso wie Travos war auch er keiner, der von Geburt an zum Adel gehörte. Andro und er waren die Einzigen, welche sich aus niederem Stand bis zu militärischen Spitze hochgearbeitet hatten. Dieser Umstand führte dazu, dass sie sich zwangsläufig gut verstanden. Die anderen Ritter waren deswegen keine schlechteren Kämpfer, aber der Umstand, dass sie nicht einmal halb so hart arbeiten mussten für Ihre Position machte sie zu einem, in Travos Augen, verweichlichten Haufen.

Auf der anderen Seite hatten diese das Gefühl, er und Andro hätten die Ehre nicht verdient das Leben des Königs zu beschützen. Die Kluft zwischen Adel und Bürger war beinahe so groß wie zwischen Menschen und Bestien.

Plötzlich hob der Hauptmann die Hand. Die gesamte Gruppe kam mit einem Ruck zum Stehen. Nur der König hatte Mühe zu bremsen und stand nun außerhalb des Kreises von Gerüsteten.

„Links kehrt! Aufstellung in Verteidigungsposition!“

Die befehlsgewohnte, kräftige Stimme des Hauptmanns erklang unnötig laut in diesem verlassenen Landstrich, doch alle folgten ihr. Einige Herzschläge lang war die Luft erfüllt vom Rasseln der Rüstungen und dem Schnauben der Pferde, dann war alles wieder ruhig. Sie blickten in die Richtung, aus der sie kamen, sahen nichts Verdächtiges und warteten auf den nächsten Befehl. Dieser ließ allerdings auf sich warten. Die Garde stand regungslos wie Statuen da und suchte den Horizont ab.

„Was ist denn los, Hauptmann? Ich wollte gerade einen Happen essen.“

Die Stimme des Königs schallte quickend und quengelnd an Travos‘ Ohr.

Rick antwortete allerdings nicht. Er starrte weiter auf den Horizont. Irgendwo in weiter Ferne stieg ein Feuerpfeil leuchtend in den Himmel und sank wieder auf den Boden. Dasselbe geschah links und rechts von ihnen. Als alle drei Lichtpunkte wieder verschwunden waren, sahen sie es. Von allen drei Seiten, die zuvor einen Pfeil abfeuerten, kam eine Gruppe Goblins auf sie zu gerannt. Insgesamt waren es um die fünfzig dieser grunzenden Scheusale.

„Zieht blank!“

Das metallische Scharren von einem Dutzend Schwertern, die zur gleichen Zeit gezogen wurden, übertönte die Rufe der grünhäutigen Biester. Diese kamen als graue Masse aus der Dämmerung auf sie zu. Nur noch wenige Augenblicke und sie würden ihre grünen Schädel einschlagen.

Für Travos war es auf einmal ganz ruhig. Es schien als sei die Welt in weite Ferne gerückt und alles, was noch Existierte war sein Schwert und ein Kreis von 4 Schritt Durchmesser. Und er hatte nicht vor auch nur einen Goblin am Leben zu lassen, der diesen Kreis betrat. Dann war es so weit.

Zwei von ihnen betraten sein Sichtfeld. Er schwang das Kopflastige Schwert von oben auf den Ersten und spaltete ihm regelrecht den Schädel. Dunkles Blut spritzte und besudelte seine polierte Rüstung. Der Zweite zeigte sich davon nicht im Geringsten beeindruckt. Er sprang vor, klammerte sich an sein Bein und versuchte die Zähne in seine gepanzerte Wade zu schlagen. Aus der Drehung heraus versetzte ihm Travos einen Hieb mit dem Knauf des Schwertes, welcher den Goblin davon schleuderte, direkt in das Schwert seines Nachbarn. Als er wieder nach vorne blickte kam bereits der Nächste. Ein besonders großes und breites Exemplar. Das Gesicht wutverzerrt schwang er eine grobe Axt. Sein Pferd scheute und versetzte dem Goblin einen Tritt mit den eisenbeschlagenen Vorderhufen. Es war das unverkennbare Knacken brechender Knochen zu vernehmen und der grüne Abschaum schoss mit einem jaulen davon.

Plötzlich neigte sich seine Welt nach hinten. Einem der Goblins war es gelungen hinter ihn zu gelangen und hackte auf die Hinterläufe des Pferdes ein, als wären sie seine größten Feinde.

Travos richtete sich mit Mühe wieder auf. Diese schweren Rüstungen waren schön anzusehen und recht nützlich, wenn man auf einem Pferderücken saß, aber zu Fuß quälten sie ihren Träger in allen erdenklichen Varianten, es fehlte aber die Zeit sie auszuziehen.

Ein schneller Tritt mit dem eisernen Stiefel beendete die Hackorgie des Goblins und drückte sein gesamtes Gesicht ein, als wäre es aus dünnem Blech gestanzt. Mit einem Schrecken erkannte er nun, wie dieser Goblin bis in seinen Rücken gelangen konnte. Unweit der Stelle, an der sein letzter Gegner landete, lag ein Gardist. Die Rüstung so sehr eingedellt, dass die Knochen darunter ohne Zweifel gebrochen waren. Der Helm war ihm vom Kopf gerissen worden und mehrere Schnitte klafften am Hals. Wenige Schritt daneben lag ein zweiter, ähnlich zugerichteter Gardist. Das war das Schicksal jener, die in voller Rüstung hinfielen und nicht schnell genug wieder aufstanden.

Er sah sich kurz um und fand sich in einem wahren Leichenberg wieder. Mehr als die Hälfte der Gruppe lag tot am Boden oder würden in den nächsten Herzschlägen ihr Leben aushauchen. Zufrieden stellte er fest, dass sich auch die Horde der Goblins ausdünnte. Aber das Verhältnis blieb fünf zu eins und er stand auf der schlechteren Seite. Die überlebenden Gardisten hatten sich zum Wagen zurückgezogen, um den König zu schützen. Travos stand gut zehn Schritt abseits des Getümmels und war somit etwas abseits.

Kurz entschlossen schälte er sich aus den gepanzerten Handschuhen, löste die Riemen seiner Rüstung und entkleidete sich so weit wie es ohne fremde Hilfe ging. Er ließ seine Waffe fallen und hob ein leichteres, schartiges Schwert und eine einschneidige Axt auf, die einst einem Goblin gehörten. Die gesamte Ausrüstung der Gardisten war darauf ausgelegt, im Sattel zu bleiben. Das Kopflastige Schwert bot überragende Durchschlagskraft, solange man es von oben herabschwingen konnte. Bei den Fußtruppen waren andere Dinge entscheidend. Er hatte im Gegensatz zu den Adligen diese Erfahrung schon mehrfach gemacht.

So gerüstet stürzte er sich auf die grunzenden und schnatternden Goblins. Viel schneller, als es in der Rüstung möglich gewesen wäre. Dem Ersten, den er erreichte, schlug er die Axt in den Hals, welche bis zu Hälfte eindrang und stecken blieb. Klebriges Blut spritze ihm entgegen. Blitzschnell schlug er mit dem Schwert dorthin, wo er den Nächsten vermutete. Er traf auf Wiederstand und es war keine Rüstung. Das war gut. Eine Bewegung am Rande seines Sichtfeldes ließ ihn herumfahren. Er konnte nicht mehr rechtzeitig parieren und ein primitiver Knüppel traf ihn am Kopf. Er hörte noch einen dumpfen Aufschlag und mit einem Mal wurde es dunkel um ihn herum.

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