• Sinnlosoph

Feuerkrieger - 10. Kapitel: Beim Baumeister

Der Hirschbraten duftete herrlich von der Küche bis zum Wohnzimmer. In eben diesem Wohnzimmer brannte ein gemütliches Feuer im Kamin. Es stand ein niedriges Tischchen davor und darum herum waren drei dick gepolsterte, mit rotem Samt überzogene Sessel aufgestellt. In zweien davon saßen zusammengesunken zwei frisch gebadete Gestalten mit nassen Haaren und geliehener Kleidung. Im dritten aber saß ein Mann, welcher noch Unmengen an Steinmehl in den Haaren und den Kleiderfalten hatte. In der Hand hielt er ein Glas, welches bis zur Hälfte mit schwerem, klarem Wein gefüllt war.



„Erzählt! Wie kommt es, dass ihr der schönen Stadt Esteborg einen Besuch abstattet. Wieso ist Andro verletzt und wo ist der König?“

Travos blickte angespannt zu seinem verletzten Freund, welcher nun, da er so fürstlich umsorgt wurde, fröhlich durch das Zimmer grinste. Langsam glaubte er, Andro hätte sich beim Kampf mit der Wyvern den Kopf gestoßen und lächelte deshalb durchwegs leicht debil. Da er aber nicht den Anschein erweckte, als wolle er in nächster Zeit antworten, fasste sich Travos ein Herz.

„Wir sind hierher geflohen. Besser gesagt, wir, also die ganze Königliche Eskorte mitsamt diesem, waren im Begriff dies zu tun. Zumindest bis vor gut zwei Wochen.“

Er erzählte davon wie sie angegriffen wurden und die anderen den Tod fanden. Er erzählte vom Verschwinden des Königs und dem Kampf gegen die Wyvern. Er erzählte auch, dass sie im Grunde Desserteure waren und er durch seine Bewirtung strafbar wurde. Das einzige, was er ihm verschwieg, war seine Absicht nach Norden zu fliehen. Nach Hause. Nicolai lauschte gespannt, ohne dazwischen Fragen zu stellen. Er hörte zu ohne dass man etwas von seiner Miene hätte ablesen können. Die Erzählung dauerte so lange, dass der Tisch gedeckt war und auf sie wartete als er endete.

„Ein Interessanter Werdegang. Doch jetzt müssen wir erst einmal etwas Essen. Wenn ich es richtig verstanden habe, habt ihr in den letzten Tagen von Wurzeln, Trockenfleisch und gesalzenem Fisch gelebt. Ihr werdet beinahe sterben vor Hunger. Ich hoffe ihr mögt Hirschbraten mit Bratkartoffeln und Sauerkraut? Dazu ein guter Tropfen Wein? Ich habe hier einen ganz besonderen mit Holunderblüten veredelt.“

Sie nahmen dankend an und kurz darauf saßen sie zu dritt im Esszimmer nebenan. Das Mahl schmeckte vorzüglich. Der Koch war entweder ein Meister seines Fachs, oder aber Luvan war so hungrig, dass jedes warme Essen wie ein Geschenk des Himmels schien. Wahrscheinlich war beides der Fall.

„Ihr sagt, sie haben euch vor gut zwei Wochen überfallen?“ meldete sich Nicolai unvermittelt zu Wort.

„Ungefähr. Es war aber wahrscheinlich nur ein Spähtrupp der eigentlichen Streitmacht. Diese wird vermutlich noch immer dabei sein die Festung auf dem Königsfels zu belagern. Es sei denn sie haben unerwartet Unterstützung erhalten.“

Wieder trat eine unangenehme Stille ein, in der nur das Klappern des Silberbestecks zu hören war.

„Der Königsfels ist lediglich drei Tagesmärsche von Seenheim entfernt. Glaubt ihr, die Scheusale haben ihre Klauen auch danach ausgestreckt?“

Luvan wechselte schnell einen Blick mit Andro. Sogar ihm ist das Lächeln vergangen und blickte schnell wieder auf die Reste in seinem Teller. Beide wussten, dass Nicolais Frau Thalea in Seenheim blieb.

„Es wäre kein leichtes Ziel für die Orks und Goblins. Genau wie bei der Festung auf dem Königsfels wurden die Verteidigungsanlagen nach deinen Plänen aufgerüstet, als die Kunde von der feindlichen Streitmacht verbreitet wurde. Das müsstest du selbst am besten wissen. Dennoch wäre es denkbar. Wer weiß schon was in den hässlichen Schädeln der Biester vor sich geht?“

Nicolai verharrte in der Bewegung. Die Bratkartoffel, die er auf der Gabel hatte, fiel zurück in den Teller. Seine Züge nahmen eine Härte an, die keiner der beiden Waffenbrüder je bei ihm gesehen hatten.

„Ich muss zurück. So schnell es geht. Am besten heute noch. Ich werde dem Stadthalter eine Notiz hinterlassen bezüglich der Mauern und Türme. Auf mein Honorar verzichte ich, ich besitze genug Geld für den Rest meines Lebens.“

Hastig warf er das Besteck in den Teller, stand auf und machte sich daran seine Sachen zu packen.

„Wenn ich mich beeile komme ich vielleicht nicht zu spät, um meine Frau noch zu retten.“

„Hör mal Nicolai: Selbst, wenn du das schnellste Pferd des Landes hättest und es bis zum Tode antreibst, was würdest du tun, wenn du da bist? Ich weiß, dass du mit dem Schwert umgehen kannst, genau wie wir beiden auch. Aber du allein kannst gegen die Horden aus dem Süden nicht bestehen. Niemandem wäre geholfen, wenn du bei dem Versuch deine geliebte Thalea zu retten ins Gras beißen würdest.“

„Du verstehst nicht!“

Nicolai war so ungehalten, dass er schrie und dabei Spucke quer durch den Raum schleuderte.

„Alles was ich habe, alles wofür ich lebe, einfach alles tue ich nur für sie. Wenn ihr etwas zustoßen würde könnte ich mich genauso gut vom höchsten Turm werfen.“

Er schnaufte heftig. Sein Gesicht war rot vor ungehaltenem Zorn. Seine Hände zitterten und die Bewegungen waren fahrig wie bei einem Säufer, der zu lange keinen Schnaps mehr hatte.

„Versteht ihr denn nicht? Sie ist etwas Besonderes. Sie ist mein Leben und ohne sie… bin ich verloren. Ich habe mein Leben lang dafür gearbeitet und gekämpft damit ich ihr gefalle, damit sie bei mir ist. Ich kann das nicht hinwerfen.“

Nicolai war den Tränen nahe. Auf den Zorn folgte die Trauer der Hilflosigkeit. Andro verstand ihn nur zu gut. Zuzusehen wie einem alles genommen wird wofür man lebte und nichts dagegen tun zu können. Das konnte sogar den stärksten brechen.

„Wir folgen dir. Besorge uns Waffen und Pferde und wir folgen dir. Den genauen Plan können wir unterwegs besprechen. Selbst wenn wir gerade unseren Untergang besiegelt haben ist es immer noch besser als für immer vor den Viechern davon zu rennen. Also meine Treue hast du. Und ich denke Travos wird sich auch nicht lange bitten lassen.“

Beide blickten sie zu dem Nordmann. Der Nordmann, welcher noch heute Morgen vor hatte das nächste Schiff in die Heimat zu nehmen, dort ein friedliches Leben zu führen, eine Frau finden, Kinder großziehen. Andererseits kannte er nichts anderes als den Kampf. Früher im Norden und nun schon seit Jahren in der Armee.

Nach kurzem Zögern nickte er.

„Auch meine Treue ist dir sicher. Vorausgesetzt du besorgst mir eine ordentliche Axt und ein schönes Rundschild. Ich bin es leid mit Middländer-Waffen zu kämpfen.“

„Für mich ein normales Langschwert. Und bitte, lass uns diese Nacht noch hier verweilen. Zu lange haben wir auf den Luxus eines echten Bettes verzichtet.“ Nicolai stimmte zu. Er wusste nicht was ihn auf dieser Reise noch alles erwarten wird.

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