• Sinnlosoph

Feuerkrieger - 11. Kapitel: Ein wahrer Freund?

Tropf, tropf, tropf.

Das einzige Geräusch, welches die kalte Luft seiner Zelle erfüllte war, das regelmäßige Tropfen des Schmelzwassers, das vom Sims eines kleinen, vergitterten Fensters hereindrang. Eigentlich wurde es auch Zeit, dass der Schnee endlich zu schmelzen begann. So einen langen Winter gab es noch nie. Die Zelle an sich war kaum mehr als ein Erdloch mit gemauerten Wänden. Es roch feucht und leicht modrig und die wärmenden Strahlen der Sonne draußen konnten die Temperatur hier drin kaum heben.



Schon mehr als ein Tag ist vergangen, seit sie ihn hier hineingeworfen haben. Die verstrichene Zeit störte ihn wenig. Es dauerte noch einige Monate bis die Arbeiten an der Mauer beendet wären und das bedeutete wiederum, dass seine Zielperson ihm nicht davonlief. Es sei denn Brandulf der Zwerg habe ihn verraten. Was Luvan mehr zu schaffen machte war die Tatsache, dass er nichts tun konnte und das Essen, wenn man es denn so nennen konnte kaum besser schmeckte als das Moos an den Wänden. Bald sollte wieder ein Teller dieser brühe durch den schmalen Spalt unter der Tür geschoben werden. Wenn er die Zeit richtig schätzte konnte es nur noch wenige Augenblicke dauern.

Und wirklich. Kaum hatte er zu Ende gedacht hörte er Schritte vor der Tür. Etwas war allerdings anders. Deutlich hörte er, dass sich zu dem üblichen Klang des Stiefelpaares und dem Klimpern des Schlüsselbundes ein anderes Geräusch mischte. Ein zweites Paar Schuhe war da draußen. Folglich auch eine zweite Person. Dem Klang der Schritte zu urteilen eine kleine Person, die aber keineswegs leichter war. Quietschend wurde der Schlüssel ins Loch gesteckt und der Riegel zurückgeschoben. Schnell richtete sich Luvan auf und versuchte trotz seiner Hand- und Fußfesseln eine halbwegs selbstsichere Haltung ein zu nehmen. Die Tür wurde geöffnet und der Kerkermeister der Stadtwache schob seinen Kopf durch den Spalt.

„Hier ist er. Und ihr seid euch sicher, dass ihr mit ihm reden wollt? Die Spuren seiner Hiebe sind noch allzu deutlich in eurem Gesicht zu sehen.“

„Lass das meine Sorge sein. Er ist nicht dumm und wird mich kein zweites Mal angreifen. Zudem liegt er in Ketten.“

Die Tür wurde ganz aufgeschoben und der Wächter hielt die mit rostigen Eisenplatten verstärkte Tür für den Besucher auf.

„Vielen Dank. Lass uns bitte allein. Ich rufe nach euch, wenn ich hier fertig bin.“

Mit einem kurzen Nicken verabschiedete sich der Kerkermeister, schloss die Tür hinter sich und schob den Riegel wieder zurück.

„So sieht man sich wieder. Ich muss gestehen, ich wurde selten so sehr verprügelt wie von dir. Und ich habe noch nie jemandem geholfen der Hand an mich legte.“

Brandulf war in unauffällige Kleider gehüllt. Man konnte ihn für einen normalen Arbeiter der Stadt halten der, wie so viele andere in die Stadt gekommen waren, um der gut besoldeten Arbeit an den Verteidigungsanlagen nach zu gehen.

„Ich muss gestehen, ich hatte zuerst vor dich in diesem Loch verrotten zu lassen. Ich habe mit dem Gedanken gespielt Nicolai von deinem Vorhaben zu erzählen, gegen dich auszusagen und ein schönes Kopfgeld zu kassieren. Dein Glück ist es, dass ich mit dir noch nicht fertig bin.“

„Willst du dich jetzt rächen? Mich schlagen und foltern solange ich ausgehungert und dir in Ketten ausgeliefert bin?“

Den spöttischen Unterton in seiner Stimme konnte sich Luvan nicht verkneifen. Er hatte sein Leben lang nichts anderes getan als seine Fähigkeiten im Kampf mit allen möglichen Waffen zu schulen. Auch mit nichts als seinen Fäusten als Waffen. Die Eisen an seinen Händen und Füssen würden nicht ausreichen, um ihn aufzuhalten.

„Wo denkst du hin? Nein, ich habe etwas viel Besseres vor. Ich werde dich freikaufen. Du kannst es mir dann bei Gelegenheit zurückerstatten. Doch für den Anfang möchte ich dir einige Informationen zukommen lassen.“

Es folgte eine Kunstpause, in der er von der einen Seite der Zelle zur anderen ging und die Fugen zwischen den Steinen betrachtete. Er genoss es sichtlich am längeren Hebel zu sitzen und Luvan in der Hand zu haben.

„Nicolai ist nicht mehr in der Stadt. Er ist heute Morgen kurz nach Tagesanbruch nach Süden geritten. In Begleitung zweier kräftiger Burschen.“

„Aber das ist nicht möglich. Er hat sich verpflichtet hier zu bleiben. Der Vertrag mit den Stadtherren bindet ihn.“

Brandulf drehte sich zu ihm um und grinste.

„Kannst du es dir nicht denken? Was gibt es auf der Welt, dass ein solches Verhalten erklärt? Denk scharf nach. Was liegt im Süden und was gibt es dort das ihn dazu bewegen könnte eine so gut bezahlte Arbeit abzubrechen? Du hast mir selbst davon erzählt und langsam glaube ich zu verstehen.“

„Thalea!“

Die Einsicht traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Natürlich, an der Südgrenze des Landes herrschte Krieg. Seenheim und somit Thalea waren nicht weit davon entfernt. Wieso hat er selbst nicht daran gedacht?

„Genau. Thalea. Deine Herzdame. Offensichtlich liegt ihm mehr an ihr als an weltlichen Besitztümer.“

„Ich muss hier raus. Auf dem Weg dahin wird ihm ein Unglück zustoßen und ich bin schon auf demselben Weg zu ihr! Du sagtest du könntest mich freikaufen?“

Misstrauisch blickte er zu dem Zwerg. Er hatte ihn unterschätzt. Entgegen seinem guten Vorsatz. Er war gut informiert und hatte anscheinend Geld. Trotzdem konnte er nicht glauben, dass ein verbrecherischer Hehler und Dieb wie Brandulf so viel Einfluss hatte.

„Was verlangst du dafür? Du handelst gewiss nicht selbstlos. Und wie du sagtest hast du auch keinen Grund mir zu helfen. Was also forderst du für deine Hilfe?“

Der Zwerg hatte wieder dieses Grinsen aufgesetzt, das er schon beim ersten Abkommen hatte, welches sie getroffen hatten.

„Du kennst mich. Ich bin bescheiden. Ich befreie dich aus diesem Loch und du lässt mich mit dir kommen. Die ganze Geschichte um diese Thalea hat mich neugierig gemacht. Ich habe so das Gefühl, dass sich da etwas Großes anbahnt.“

Hinter Luvans Stirn arbeitete es. Dieser Zwerg war so undurchsichtig wie die Brühe, die er in diesem Gefängnis vorgesetzt bekam. Und das musste etwas heißen. Er musste hier raus. Doch konnte er diesem zwielichtigen Kerl erlauben immer in seiner Nähe zu sein? Hielten seine Nerven das überhaupt aus?

„Einverstanden. Aber nur wenn du zumindest versuchst nicht mehr so lästig zu sein.“

Er streckte die Rechte aus auf, dass der Zwerg einschlagen würde. Brandulf kam immer noch grinsend näher. Unvermittelt traf Luvan die geballte Faust des Zwerges krachend auf seine Nase.

„Entschuldige, doch ein bisschen Rache gebietet mir meine Zwergen Ehre.“

So standen sie sich also gegenüber und schüttelten die Hände. Ein Zwerg, der grinste als hätte er das Geschäft seines Lebens abgeschlossen und ein Mensch mit blutiger Nase. Konnte ein solches Abkommen überhaupt bestehen?

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