• Sinnlosoph

Feuerkrieger - 15. Kapitel: Der Dank des Stadthalters

„Hoch geschätzter Lord Kenan, Stadthalter von Esteborg. Ich bedauere sehr Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich meinen Dienst unter Eurer Führung und an den Ausbauten der Mauern und Türme von Esteborg fristlos quittieren muss. Zwingende Geschäfte führen mich zurück nach Seenheim. Ich verzichte selbstreden auf eine weitere Besoldung und auch der bisher bezogene Sold habe ich Euch zugunsten der Staatskasse überschrieben. Sämtliche Pläne und Anweisungen bezüglich des ausstehenden Bauprojektes sind in meinem Haus am Marktplatz vorzufinden. Der Schlüssel sollte ihnen mitsamt diesem Brief überreicht worden sein. Ich hoffe Ihnen keine allzu großen Unannehmlichkeiten bereitet zu haben und vertraue auf ihr Verständnis. Hochachtungsvoll: Nicolai von Seenheim, Konstrukteur und Baumeister vom Fach.“



Zum ungezählten Male las der beleibte Stadthalter den Brief durch. Unablässig ging er vor seinem Schreibtisch im Rathaus von Esteborg auf und ab. Mit jedem weiteren Mal, dass er den Brief durchlas steigerte sich seine Wut. Der Bote, der ihm dieses Schreiben des bekanntesten und oft als besten Baumeister Middlands bezeichneten Nicolai überbrachte, stand regungslos neben der Tür. Der im Brief bezeichnete Schlüssel lag auf dem Schreibtisch und zeugte unmissverständlich von der Ernsthaftigkeit der Nachricht. Mit wutverzerrtem Gesicht zerknüllte der beleibte Lord Kenan den Brief und schleuderte ihn dem Boten entgegen.

„Das soll alles sein? Ein Brief und die Zurückerstattung des bisherigen Soldes? Keine Empfehlung für einen Nachfolger? Keine Busse für den Vertragsbruch? Was ist mit der Sicherheit dieser Stadt? Ist ihm diese egal? Wie konnte er es wagen! Er wusste genau, dass ich auf die Schnelle keinen fähigen Ersatz für ihn auftreiben kann.“

Der Kopf des Stadthalters war zornesrot. So rot, dass er wahrscheinlich im Dunkeln leuchtete. An der Schläfe trat pulsierend eine Ader hervor und die Augen waren zu engen Schlitzen zusammengezogen. Man konnte den Boten nur bewundern bei solch einem Anblick die Fassung zu bewahren.

„Das wird er mir büßen. Es herrscht Krieg. Wir könnten jeden Tag von den Horden aus dem Süden überrascht werden und da kündet er den Vertrag? Das ist Hochverrat! Dafür wird er Hängen! Wartet kurz.“

Mit den geübten Handgriffen eines lebenslänglichen Bürokraten zupfte er ein leeres Pergament aus den Stapeln hervor, stellte Tintenfass und Feder bereit und fing an einen Brief auf zu setzen:

„Hiermit verkünde ich, Lord Kenan, Stadthalter von Esteborg und Vertrauter des Königs, dass der Baumeister und Konstrukteur Nicolai von Seenheim als vogelfrei zu bezeichnen ist. Er hat sich des Hochverrats an Staat und Krone schuldig gemacht und verdient den Tod. Adelstitel und Rechtsfähigkeit werden ihm hiermit entzogen und er darf von einem jeden gejagt und getötet werden. Für den Kopf des ehemaligen Baumeisters ist eine Belohnung von…“

Er stutzte kurz. Wie viel war sein Kopf wert? Es musste ein genug großer Anreiz sein, um den Umstand vergessen zu lassen, dass es sich auch um einen Fechtmeister handelte, der noch nie ein faires Duell verloren hatte. Da kam ihm eine Idee.

“Wie viel Geld haben wir ihm als Sold ausbezahlt?“

„75 Silber die Woche. Zusätzlich dazu Unterhalt und Materialspesen in Höhe von insgesamt 6 Gold und 50 Silber.“ antwortete der Bote sofort.

Kenan glaubte ihm. Schließlich hatte er die im Brief erwähnte Banküberweisung überprüfen müssen.

„Gut, das macht dann über den Daumen geschätzt… etwa 11 Gold. Eine Menge Geld für die Überwachung einer Baustelle. So sei es denn.“

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht setzte er das Schreiben fort.

„… ist eine Belohnung von 11 Goldmünzen oder 1100 Silber ausgesetzt. Zusätzlich wird der Bürger, der den Kopf vorweisen kann in den Adelsstand gehoben und für zwei Jahre von den Steuern befreit. Unterzeichnet: Lord Kenan, Stadthalter von Esteborg.“

Schnell setzte er noch das Königliche Siegel darunter und gab das Schreiben dem Boten.

„Sorge dafür, dass diese Nachricht in der gesamten Stadt und im gesamten Umland verbreitet wird. Ich will, dass ganz Middland von der mehr als fürstlichen Belohnung weiß.“

Der Bote salutierte und eilte im Laufschritt davon. Kenan konnte sich ein Grinsen nicht länger verkneifen. Im Spiegel gegenüber seinem Schreibtisch überprüfte er den Sitz seiner pelzbesetzten Kleidung und rieb sich die schweißnasse Stirn mit einem seidenen Taschentuch trocken.

„So einfach kommst du mir nicht davon Nicolai. Ich mache dich dafür verantwortlich, sollte diese meine Stadt fallen.“

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