• Sinnlosoph

Feuerkrieger - 19. Kapitel: Im Rabennest

Wie sich heraus stellte war Luvan ein beliebter Gast bei den Ortsansässigen Banditen. Nach anfänglicher Skepsis und Feindseligkeit begannen sie allmählich etwas Vertrauen zu fassen. Allerdings schaffte erst der Auftritt von Cynthia das Eis wirklich zu durchbrechen. Sie war eine etwas kleinere Frau mit roten Haaren und grünen Augen. Eine seltsame Mischung. Sie hatte ein markantes Gesicht und einen sehnigen Körperbau. Nicht unbedingt Brandulfs Geschmack, aber dennoch auf ihre Art schön. Sie und Luvan hatten offensichtlich eine gemeinsame Vergangenheit. Und wie es schien war Luvan nicht daran interessiert alte Wunden auf zu reißen. Sehr zum Leiden seiner gegenüber.



„Nun erzähl schon, was führt dich zu mir ins Rabennest? Du warst noch nie der Typ, der Freunden einen Besuch abstattet, ohne einen Grund dafür zu haben.“

Cynthia hatte eine überraschend weibliche und sinnliche Stimme. Noch ein Punkt, welcher nicht den Vorstellungen des Zwerges entsprach.

„Du weißt was ich will. Und ich kenne deinen Preis. Nur kann ich deine Anforderungen nicht entsprechen.“

Der Zwerg fühlte sich immer deplatzierter. Obwohl das Erdloch gut eingerichtet und sogar ein wenig heimelig war, fühlte er sich nicht wohl. Vor allem nicht, da er mit diesen beiden offensichtlich etwas verrückten Menschen in einem geschlossenen Raum war und wieder einmal keine Ahnung hatte über was sie redeten.

„Warum nicht? Ich bitte dich nur um einen Versuch. Ich möchte ja nicht, dass du dich auf ewig an mich bindest. Du kennst mich doch.“

„Ich kann nicht darauf eingehen. Du weißt genau so gut wie ich, dass es nicht funktionieren wird.“

„Aber wir sind doch wie für einander geschaffen. Wir Harmonieren!“

„Aber du kannst mich nicht halten. Ich müsste meine Art akzeptieren und das kann ich nicht.“

„Aber es hat doch einmal funktioniert.“

„Nein. Nicht so wie ich es wollte. Wenn du nicht bereit bist zu verhandeln verschwende ich meine Zeit. Brandulf! Wir gehen.“

Langsam erkannte sein Zwergenverstand, um was sich alles drehte. Wie konnte es auch anders sein? Es ging um dasselbe wie immer, wenn ein Mann und eine Frau sich nach einer Trennung wieder treffen. Was Cynthia erreichen wollte lag auf der Hand. Wofür genau Luvan allerdings ihre Hilfe benötigte war etwas verworren. Ihm blieb also nichts weiter übrig, als sich seinem Begleiter an die Fersen zu heften und den Weg zurück an die Oberfläche an zu treten. Gerade als sie den Schacht erreichten, durch welchen sie in das Rabennest betraten, holte die Banditin sie ein.

„Warte! Ich habe vielleicht etwas, das deine Meinung umstimmen könnte.“

„Was könnte es sein, abgesehen von einem Sinneswandel deinerseits?“

Die rothaarige Frau lächelte schelmisch.

„Gefangene. Ich weiß von deinem letzten Auftrag. Und ich habe da etwas.“

Luvan nickte und sie wurden wieder tiefer in das Hauptquartier geführt. Sie gingen durch eine ganze Reihe weiterer Räume. Bei einigen war der Boden und die Wände mit schönem Holztäfer verkleidet, wie man es von noblen Schenken kannte. Bei anderen wucherte Unkraut aus dem Boden und von der Decke hingen Dicke Wurzelstränge. Offensichtlich war dieses Lager eine endlose Baustelle, welche regelmäßige ausbesserungs- und reparaturarbeiten benötigte. Kein Wunder, wenn man wie ein Maulwurf in der modrigen Erde herum grab. Die Anlage war nicht zu vergleichen mit den unterirdischen, in den Fels gehauenen Städten seines Volkes, doch musste er ihnen Respekt zollen. Allein der Umstand, dass die Höhlen bei einem größeren Regenguss nicht einfach überfluteten und einbrachen war eine Leistung. Zudem war es weitläufiger als er annahm. Sie gingen durch unzählige Räume, stiegen Treppen und Leitern hinauf und wieder hinunter. Bis sie schließlich an einem dunklen, modrig riechenden Loch ankamen.

Die Kammer war nur spärlich beleuchtet und der Boden der Öffnung war nur undeutlich zu erkennen. Was er allerding genau sah waren drei gestalten, die dort unten im Dunkeln saßen. Er erkannte sie wieder.

„Das ist Nicolai! Und seine beiden Begleiter! Vor ein paar Tagen konnte ich sie beobachten wie sie fluchtartig die Stadt Esteborg verließen. Wie kommen die denn hier her?“

Cynthia begann zu grinsen. Ihre weißen Zähne blitzten im Halbdunkeln wie Sterne. Eigentlich war sie gar nicht so sehr gegen seinen Geschmack wie er angenommen hatte.

„Sagen wir, sie gingen mir ins Netz als sie etwas zu nah an einem unserer Nebeneingänge lagerten. Zuerst wollten wir sie ausliefern. Auf Nicolai ist mittlerweile ein hübsches Kopfgeld ausgesetzt und die beiden anderen sind Desserteure der königlichen Elite. Die würden auch einen hübschen Obolus abwerfen. Dann kamen die Gewissensbisse. Schließlich ist nahezu jeder der diesen Ort kennt ein gesuchter Verbrecher. Du bist die Ausnahme. Vor allem, da du keine Zeugen hinterlässt.»

„Bis auf einen.“

Cynthias grinsen verschwand.

„Ja, bis auf einen. Und dieser eine sitzt nun in einem Loch. Wehrlos und deiner Gnade ausgeliefert. Bist du nun bereit über meine Forderung nach zu denken?“

Er schwieg. Luvan betrachtete seinen größten Kontrahenten von oben herab. Wie er halb nackt und ausgemergelt in diesem Loch hin und her ging. Es wäre ein leichtes ihn jetzt zu stellen und einfach ab zu schlachten. So wie er aussah hatte er seit Tagen nicht mehr ruhig geschlafen und auch nur das nötigste an Nahrung zu sich genommen. Konnte er diesen Teilerfolg seiner Reise so einfach annehmen? Er hielt nichts von übertriebener Ehre. Normalerweise tötete er seine Zielpersonen aus dem Hinterhalt. Er ließ ihnen selten die Chance sich zu wehren. Doch dieses Mal fühlte es sich falsch an. Er wusste nicht wieso, doch irgendetwas in ihm hielt ihn davon ab sein Leben mit einem Pfeil oder Wurfmesser zu beenden. Er stand einfach da und sah hinab.

„Kann ich zu ihnen hinunter?“

Seine Stimme war nur wenig mehr als ein Flüstern.

„Neben dir ist eine Strickleiter. Ich rate dir jedoch davon ab. Die beiden anderen sind nicht um sonst bei der Elite gewesen.“

Er ignorierte sie. Schnell war er die Leiter hinunter und kaum hatte er den Boden berührt wurde sie auch wieder hinaufgezogen.

Nicolai verharrte in der Bewegung. Von nahem konnte er seine eingefallenen und entzündeten Augen erkennen. Sie glänzten wie im Fieberwahn. Die beiden Desserteure standen nun ebenfalls auf und gesellten sich zu Nikolai. Links und rechts flankierten sie ihn und machten im Gegensatz zu ihm einen gesunden und kräftigen Eindruck. Luvan hob beschwichtigend die Hand. Sie sollten sehen, dass er ihnen nichts antun wollte. Noch nicht.

„Ich möchte nur reden. Vielleicht kann ich euch helfen.“

„Ich muss hier raus! Sie braucht mich!“

Nicolais stimme war schrill. Offensichtlich war er dabei den Verstand zu verlieren. Luvan konnte sich denken wieso.

„Ich weiß wer du bist Nicolai. Und ich weiß was du willst. Und ich denke du weißt auch wer ich bin.“

Er öffnete sein Lederwams und zog das Hemd bis zum Hals hinauf. Zwei dünne Narben kamen zum Vorschein. Eine senkrechte in der Mitte und eine Waagrechte. Sie kreuzten sich auf dem Brustbein. Sie waren gut verheilt, doch hoben sie sich deutlich von der gesunden Haut ab.

„Diese Narben sind ein kleines Andenken unseres letzten Zusammentreffens. Damals im Herbst vor einigen Jahren.“

„Du… Du bist der Fremde! Du bist der, der nicht eingeladen wurde und mich zum Duell forderte! Was willst du.“

Die ehemaligen Soldaten zogen sich wieder zurück. Sie hatten erkannt, dass sie nicht benötigt wurden. Die Stimmung zwischen Luvan und Nicolai war keineswegs freundlich, doch hätte er schon längst eine Waffe gezogen, wenn er dies beabsichtigt hätte. Luvan stopfte das Hemd wieder in die Hose und schloss das Wams.

„Dasselbe wie du. Und ich glaube wir brauchen einander. Versteh mich nicht falsch. Ich wünsche noch immer deinen Tod, doch bis dahin müssen wir uns unterstützen.“

Er wusste nicht wieso er dies sagte. Eigentlich wollte er keine Hilfe. Er arbeitete lieber allein. Irgendetwas Unergründliches lag auf seinem Erzfeind. Etwas, dass ihm sagte was zu tun war und es ihm sogar logisch erscheinen ließ. Er ließ es zu. Schließlich konnte er ihn immer noch umbringen, wenn er der Meinung war, dass es an der Zeit wäre.

„Wie kann ich mir sicher sein, dass du mich nicht morgen schon tötest?“

„Naya, zum einen hätte ich dich schon töten können bevor ich hier runtergekommen bin und zum anderen… Nun ich habe festgestellt, dass du ein guter Fechter bist. Also wovor hast du Angst?“

Nicolai blickte sich um. Man konnte ihm ansehen, dass er alles dafür tun würde, um aus diesem Loch zu entfliehen und seine Reise fort zu setzen. Sein Blick streifte seine beiden alten Freunde, welche nur dank ihm in diese Lage geraten sind. Sie nickten stumm.

„Verrate mir deinen Namen. Danach werde ich alles tun was du willst, wenn es mich nur zu meiner geliebten Thalea bringt.“

„Nenn mich Luvan.“

Mit diesen Worten wandte er sich ab. Auf seinen Wink hin wurde die Leiter wieder hinuntergelassen. Oben angelangt wurde sie wieder hinaufgezogen. Er musste nur noch Cynthia überzeugen.

„Ich gehe auf das Angebot ein. Du kommst mit uns und ich werde mir Mühe geben deinen Anforderungen gerecht zu werden. Dafür lässt du die drei Gestalten dort unten frei. Sie werden ebenfalls mitkommen. Haben wir eine Abmachung?“

Anstatt zu antworten flog sie ihm in die Arme und küsste seine Stirn.

„Du wirst es nicht bereuen.“

Das werden wir sehen dachte er sich. Erinnerungen an vergangene Jahre zogen über ihn hinweg. Ihr Duft war noch immer derselbe. Nach frischem Herbstlaub und einer feinen Note Lavendel. Irgendwie hatte er es vermisst.

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