• Sinnlosoph

Feuerkrieger - 2. Kapitel: Hehler und Assassinen

Dunkel war es geworden. Und das obwohl es erst später Nachmittag war. Luvan fluchte leise, hätte er doch wissen müssen, dass so weit im Norden die Winter dunkler und härter sind als in den südlicheren Winkel des Landes. Zitternd zog er die lederne Kapuze seines Mantels noch ein Stück tiefer ins Gesicht, um sich vor der beißenden Kälte zu schützen.



Früher, dachte er, machte es ihm nichts aus durch Tiefschnee zu waten und bei klirrender Kälte auf einem Dach auszuharren. Doch das ist heute anders. Er hatte sich verändert – die Welt hatte sich verändert. Nur eines blieb: seine Bestimmung.

Ein leises Knirschen ließ ihn jäh aus seinen Gedanken schrecken. Er spähte über die Dachrinne hinunter in die Gasse und sah einen kleinen Schatten vorbei huschen. Zu klein. Jedenfalls passte er nicht zu der Person, um die es in seinem Auftrag ging. Er entspannte sich und zog den Kopf wieder zurück um nicht als dunkler Schatten vor dem vom Mond erleuchteten Himmel sichtbar zu sein.

Gerade als er den Sitz seines Waffengurtes kontrollierte und den Bogen probeweise spannte, hörte er ein Rumpeln gefolgt von einem Fluch. Lautlos drehte er sich auf den Bauch und spähte wieder der Hauswand entlang hinab, um die Quelle ausfindig zu machen. Ein weiterer Fluch war zu hören, diesmal näher, doch es war nichts zu sehen. Gerade wollte er sich wieder zurückziehen als ein Schrei die kühle Luft zerriss. Da traf ihn auch schon etwas am Hinterkopf. Er fiel rücklings vom Dach und schlug hart am Boden auf. Den Reiterbogen, den er umklammert hielt begrub er dabei unter sich und hörte gerade noch ein verräterisches Knacken.

„Hoffentlich nur eine Rippe“, murmelte er zu sich selbst und richtete sich so schnell es nach dem Sturz noch ging auf. Behände zog er dabei seinen Dolch, den er sich am Oberschenkel festgebunden hatte und verbarg sich im Schatten, um kein allzu leichtes Ziel für einen Heckenschützen zu sein. Es dauerte einige Herzschläge bis er bemerkte, dass etwas Kleines, lebendes mit ihm vom Dach gefallen war und sich nun laut fluchend versuchte aufzurichten. Dem Akzent und der geringen Größe nach war es zweifelsohne ein Zwerg. Vielleicht der Schatten, den er vorhin gesehen hatte?

Er entspannte sich wieder, zog jedoch einen gesunden Abstand vor dem Kleinwüchsigen vor. Er wusste nur zu gut, wie lang der Arm eines Zwerges sein konnte, wenn er eine rasiermesserscharfe Streitaxt schwang.

„Verfluchte Scheiße nochmal! Warum müssen diese Dächer immer arschglatt sein, wenn ich da rauf muss?“

Der Zwerg schien Luvan noch nicht bemerkt zu haben. Immerhin war er mit ihm zusammen vom Dach gefallen. Er räusperte sich im Schatten. Den Dolch gesenkt, doch bereit, um einem schnellen Hieb auszuweichen. Er umrundete den Fluchenden bei gleichbleibendem Abstand und ließ ihn keinen Lidschlag aus den Augen. Erst als er direkt vor ihm stand, brach die Flut von Verwünschungen ab und der Zwerg durchsuchte hastig seine Taschen. Offensichtlich auf der Suche nach etwas Bestimmten. Einer Waffe vielleicht? Luvan blieb ruhig.

„Kann ich euch helfen?“

Seine Stimme war kalt und ohne jede Emotion. Der Zwerg verharrte in seinen Bewegungen und musterte den Dolch. Gezwungen lächelte er, hüllte sich wieder vollends in den Mantel ein und… begann zu rennen. Luvan bewegte sich nicht, hatte er doch eine denkbar andere Reaktion erwartet. Plötzlich und ohne zu überlegen bückte er sich. Er holte mit dem Arm aus und ließ einen silbern funkelnden Blitz aus seiner Hand schießen. Der Zwerg brach mitten im Lauf zusammen, schrie und begann wieder zu fluchen. Luvan hastete auf leisen Sohlen zu ihm und schleifte ihn in eine Seitengasse.

Der Wurf war gut gezielt. Das Messer, welches ohne große Kraft geworfen wurde, hatte sich nur zwei Fingerbreit in den Oberschenkel des Fliehenden gegraben. Es würde gut verheilen und lediglich eine kleine Narbe hinterlassen, doch es hielt den Zwerg davon ab, wieder davon zu rennen. Am Ende einer dunklen Gasse ließ er seinen unfreiwilligen Begleiter zu Boden sinken. Dieser stieß weitere, wüste Verwünschungen aus.

„Was suchtest du auf dem Dach?“

Luvan erhielt keine Antwort. Er bückte sich und zog mit einem Ruck sein Wurfmesser aus dem Zwerg. Dieser stieß einen erschrockenen Schrei aus und schaute ihn mit großen Augen an.

„Wer bist du?“ versuchte Luvan die Konversation voran zu treiben.

„Geht dich einen Scheissdreck an!“, kam die angriffslustige Antwort.

„Du verrätst mir was du auf dem Dach zu finden hofftest sonst…“

„sonst was?“

Er seufzte. Warum mussten Zwerge immer so dickköpfig sein? Schneller als der Zwerg reagieren konnte, schlang er ein fingerdickes Seil um seinen dicken Hals.

„Sonst beende ich hier und jetzt dein jämmerliches Leben.“

Die Ruhe und Gelassenheit, mit der er dies sagte, schien seinen kleinwüchsigen Gegenüber mehr zu verunsichern als die Schlinge um seinen Hals. Mit großen Augen blickte er sich um. Zumindest soweit es in seiner Situation möglich war. Schnell schätzte er seine Chancen ab und begann wieder zu grinsen.

„Lass gut sein. Man nennt mich Brandulf. Wie darf ich Euch rufen, Krieger?“

„Ich bin kein Krieger und mein Name ist nicht von Belang. Was wolltest du auf dem Dach? Warum hast du mich bei meiner Arbeit gestört?“

Brandulf blickte an ihm herab und hob die linke Augenbraue.

„Na, dafür dass Ihr kein Krieger seid, werter Namenloser, seid ihr aber ziemlich gut gerüstet. Wollt ihr einen Krieg führen? Oder gar ei…“

Weiter kam er nicht. Der Strick zog sich zusammen, so dass ihm die Luft wegblieb. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht sah Luvan zu wie seine Gesichtsfarbe langsam dunkler wurde und die Augen immer mehr hervortraten. Erst als der Zwerg kurz vor der Bewusstlosigkeit stand, lockerte er den Strick wieder. Hustend und nach Luft schnappend brach Brandulf zusammen und trotz seines Zustandes kam ein neuerlicher Schwall übelster Schimpfworte über seine Lippen.

Als er sich wieder ein wenig erholt hatte führte Luvan sein Verhör fort.

„Neugierde können sich nur die Starken leisten. Und nun sag mir was du da oben wolltest und wieso du wegranntest.“

Der Zwerg war sichtlich eingeschüchtert, was ihn nicht daran hinderte ihn mit mörderischen Blicken zu taxieren.

„Ich bin Kurier von… spezieller Ware. Sagen wir, ich bringe Dinge von einem Ort zum anderem, die der Stadtwache nicht gefallen würden. Der sicherste und schnellste Weg führt über die Dächer. Dachte ich zumindest.“

„Wie man sich irren kann“, kam die sarkastische Antwort.

„So ist das Leben. Leider scheint mir das Glück nicht hold, so dass ich mich ausgerechnet in die Arme eines Bewaffneten bewegte. Was wolltet ihr denn dort oben? Und überhaupt, wer seid ihr?“

Luvan drehte sich um und ging den Weg zurück, ohne den Zwerg noch eines Blickes zu würdigen.

„Warte mal! Ich lasse mich nicht abschießen, verhören und beinahe erwürgen, um mit leeren Händen zu gehen.“

„Wenn dir dein Leben lieb ist, vergisst du mich und verrichtest deine eigene Arbeit“, kam es kalt zurück.

Für Luvan war der Zwerg nicht mehr von Interesse. Er wollte sich in seinen Unterschlupf zurückziehen und den nächsten Tag planen. Es war nun längst zu spät und die Aussichten auf Erfolg waren für Heute verschwindend gering.

Brandulf lief ihm humpelnd und laut zeternd nach. Etwas schien ihm an dem noch immer namenlosen Fremden eigenartig. Nicht dass er allein bei Nacht auf fremden Dächern lauerte, dies tat er schließlich auch. Vielmehr etwas an seiner Art. Hinter seiner dicken Stirn begann ein Plan Form anzunehmen der, wenn er ihm keine Informationen gab, immerhin seine Geldbörse füllen würde.

Luvan ging zielsicher durch die verwinkelten Gassen, bis er vor einer Abzweigung stehen blieb. Ihm war nicht entgangen, dass Brandulf ihm noch immer folgte, auch wenn sein Lamento mittlerweile verstummt war. Er ließ seinen laut schnaufenden Begleiter zu sich aufschließen. Der Blutverlust schien ihm ordentlich zuzusetzen. Zudem war im Schnee in regelmäßigen Abständen dunkelrote Flecken zu sehen. Wenn es so weiter ging, würde bald die Stadtwache vor seinem Versteck stehen und er müsste zum ungezählten Male das Weite suchen. Es gab nur eine Möglichkeit dies zu umgehen.

Kurzerhand griff er in seinen Mantel, zog ein zweites, schwereres Wurfmesser und schlug zu. Brandulf sah nichts kommen. Das Einzige was er spürte war ein Schlag an seiner Schläfe als hätte ihn ein Widder gerammt. Dann wurde es schwarz.

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