• Sinnlosoph

Feuerkrieger - 20. Kapitel: Die Magie versagt

Es war beängstigend. Seit Wochen schon verharrten sie hinter den Mauern der Stadt. Anfangs schien es als sei die Magie, welche ihre Herrin wirkte, tatsächlich ausreichend, um die Scheusale aus dem Süden zurück zu halten. In den letzten Tagen kamen sie allerdings immer näher. Dies konnte nur bedeuten, dass die Barriere langsam in sich zusammenfiel. Stunde um Stunde verloren sie einen Fuß nach dem anderen an den Feind. Mittlerweile trennte sie nur noch ein Pfeilschuss von der grauen Horde. Zudem war Thalea seit drei Tagen nicht mehr zu sprechen gewesen. Sie hatte sich im Arbeitszimmer ihres Gemahlen eingeschlossen und ließ niemanden zu sich hinein. Cecil wusste nicht was sie darin tat. Er bezweifelte, dass sie Zeit hatte etwas zu essen. Wenn es so weiter ginge würde sie noch vor Erschöpfung ohnmächtig werden und ihr größter Schutz wäre dahin.



Cecil war ähnlich ruhelos. Noch vor dem ersten Morgengrauen stand er auf seinem Posten auf den mittleren Wehrgängen. Diesen verließ er erst spät nach Sonnenuntergang wieder in der Hoffnung ein paar Stunden Schlaf zu finden. Er wusste, hier würde der Hauptangriff stattfinden, wenn der magische Schutz zusammenfällt. Und er hatte so ein Gefühl, dass dies bald der Fall sein würde. Seit die Magierin sich eingeschlossen hatte, waren seine Männer in erhöhter Alarmbereitschaft. Die Mauern waren rund um die Uhr bemannt. Man hatte sämtliche Pfeile, die zu finden waren, verteilt, welche nun in Bündeln zu einhundert Stück im Abstand von zwanzig Schritt an den Zinnen lehnten. Das Torhaus wurde mit genug Pech und Öl versorgt, um die halbe Besatzung darin zu kochen. Sollen sie ruhig kommen dachte er. So einfach würden sie sich nicht geschlagen geben.

„Hauptmann!“

Ein Bote kam angerannt. Er salutierte kurz und rang nach Atem.

„Hauptmann, die Magierin Thalea verlangt euch umgehend zu sprechen. Sie sagte es sei von äußerster Dringlichkeit.“

Er nickte.

„Richtet ihr aus, dass ich mich sofort auf den Weg machen werde. Danach versammle sämtliche Boten, die du triffst in der Haupthalle.“

„Jawohl Hauptmann“

Er salutierte und machte sich im Laufschritt auf den Weg. Cecil wusste, dass es nichts Gutes zu bedeuten hatte. Sollte eintreten was er Befürchtete war das wichtigste, dass sich sämtliche Truppen an ihren Platz begaben. Sie hatten genug Zeit eine Strategie zu planen. Theoretisch müsste es nur einige Herzschläge dauern und die gesamte stärke Seenheims würde zur Verteidigung bereitstehen. In voller Rüstung und mit frisch geschärften Waffen. Theoretisch zumindest. Er hatte allerdings schon genug Schlachten erlebt, um zu wissen, dass so etwas nur selten ohne Zwischenfälle ablief. Es könnte an einem einzelnen Mann scheitern. Ein Unfall oder ein unbedachter Schritt könnte die gesamte Verteidigung zum Bröckeln bringen.

Mit einem Kopfschütteln vertrieb Cecil diese Gedanken. Er hatte vielleicht nur eine Handvoll Männer, doch diese waren bis an die Zähne bewaffnet und außerordentlich gut ausgebildet. Nun werden sich die harten Stunden auf dem Übungsplatz bezahlt machen. Nicht um sonst hatte er zusammen mit Nicolai nächtelang am perfekten Trainingsplan gefeilt. Er selbst hatte die meisten von ihnen unterrichtet und sein Können stammt von zahlreichen Schlachten im Dienste des Königs. Zusammen mit Nicolais Turniererfahrung konnten sie die Soldaten auf sämtlichen erdenklichen Szenarien vorbereiten.

Endlich erreichte er die schlichte, mit Eisenbeschlagene Eichentür, welche zu den Gemächern seiner Herrin führte. Er straffte sich und versuchte nicht so zerschlagen auszusehen wie er sich nach den zahlreichen schlaflosen Nächten fühlte. Zaghaft klopfte er an. Die Tür öffnete sich geräuschlos und gab den Blick auf ein erschreckendes Bild frei.

Die Kammer war in ein blass violettes Licht getaucht, welches in der Mitte ihren Ursprung hatte. Dort saß Thalea mit schmerzhaft überstrecktem Rücken, die Arme vor der Brust gekreuzt und das Gesicht zu einem stummen Schmerzensschrei verzerrt. Das silberne Haar klebte ihr strähnig im Gesicht. Ihre einst so feine Kleidung wies einige dunkle Flecken auf und war an einigen Stellen zerrissen. Auch an einigen prekären stellen gab der Stoff einen Blick auf die von Schweiß glänzende Haut preis.

Cecil wurde sich bewusst, dass er die letzten zehn Herzschläge nur dastand und seine Vorgesetzte in diesem bemitleidenswerten Zustand anstarrte. Er rief sich zur Besinnung und wandte den Blick ab. Er wusste nicht was zu tun war. Konnte er es Wagen sie an zu sprechen? Würde sie ihn in ihrer Trance überhaupt hören? Würde die Barriere vollends zusammenbrechen, wenn er sie jetzt berühren würde?

Eine Antwort zu suchen blieb ihm erspart. Mit einem Schlag erloschen das violette Licht und die Elfe sank kraftlos in sich zusammen. Immer noch mit abgewandtem Blick griff Cecil nach einer Decke und reichte sie ihr. Mit zitternden Gliedern richtete sich Thalea wieder auf. Die letzten drei Tage hatten ihr Hart mitgespielt. Ihre Züge wirkten schlaffer, ihre Augen matter. Es schien, als sei sie um zwanzig Jahre gealtert, was für eine Elfe eine beachtliche Zahl ist.

„Der Schild ist weg.“

Ihre Stimme zitterte und war kaum mehr als ein Flüstern.

„Es liegt nun an dir. Halte die Stadt. Drei Tage. Dann…“

Ihre Stimme versagte. Die Augenlieder flatterten und sie drohte ohnmächtig zu werden. „Was ist in drei Tagen?“

Behutsam stützte er ihren Kopf und blickte in ihre tiefen blauen Augen.

„…Luvan!“ hauchte sie.

Dann verließ sie die Kraft. Sie sank in sich zusammen und rührte sich nicht mehr.

Cecil überprüfte kurz Atmung und Puls, um sicher zu sein, dass sie noch am Leben war. Dann hob er sie in die Decke gewickelt hoch und machte sich auf den Weg in die Haupthalle. Das provisorische Lazarett befand sich auf dem Weg dahin. Er würde Thalea dort hinbringen und bei dieser Gelegenheit die Sanitäter über die kommende Arbeit Informieren. Diese wird es sicher geben. Er machte sich keine falschen Hoffnungen. Es werden tapfere Männer, die bei dem Versuch Seenheim zu beschützen verletzt werden. Einige werden wahrscheinlich nicht überleben. Es gab keinen Krieg ohne Opfer. Doch er wusste, dass jeder seiner Soldaten lieber durch die Hölle gehen würden als sich feige unter einem Stein zu verkriechen. Draußen ertönte ein Horn. Die feindlichen Truppen setzen sich in Bewegung. Jetzt muss alles schnell gehen.

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