• Sinnlosoph

Feuerkrieger - 21. Kapitel: Nach Seenheim

Vom Rabennest aus waren es gut fünf Tagesritte bis Seenheim, doch dank Cynthias Ortskunde kamen sie schneller voran als gedacht. Bereits am frühen Nachmittag des dritten Tages erblickten sie die ersten Ausläufer der Stadt am Horizont. Die Stadt war um einiges kleiner als Esteborg, hatte allerdings massive Mauern und machte einen sehr wehrhaften Eindruck. Die Stadt lag so friedlich da, wie Nicolai sie in Erinnerung hatte. Erst auf den zweiten Blick erkannte die Reisegruppe, dass nicht alles so wunderbar war, wie es zunächst schien.



Die Mauern waren an einigen Stellen bis auf die Hälfte eingebrochen, das Tor aus den Angeln gerissen und weiter hinten kräuselten sich einige dünne Rauchfäden in den Himmel. Die Banner des Königreiches von Middland und der Stadt wiegten sich noch sanft im Wind. Die Stadt war also noch nicht in feindliche Hände gefallen.

„Vermutlich haben sie sich hinter dem inneren Verteidigungsring verschanzt. Wir müssen ihnen helfen!“

Nicolai wollte seinem Pferd bereits die Sporen geben als Luvan ihm in die Zügel griff.

„Wenn wir wie eine Horde wild gewordener Gnome da hinunter stürmen werden wir schneller entdeckt und mit Pfeilen gespickt als dass wir eine Hilfe wären. Wir müssen mit verstand an die Sache.“

Nicolai nickte wiederwillig. Trotz seiner immensen Sorgen um seine Stadt und seine Frau schien er immer noch bei halbwegs klarem Verstand zu sein.

„Was schlägst du vor?“

Luvan betrachtete kurz ihre momentane Ausgangslage. Sie waren insgesamt sechs Personen. Von dreien konnte er mit Bestimmtheit sagen, dass sie sich ihrer Haut zu erwehren wissen.

„Wir teilen uns auf. Cynthia, du kommst mit mir und Nicolai. Wir werden uns irgendwie in die Stadt schleichen. Ich hoffe du weißt wie deine eigenes Dorf aufgebaut ist und wo man gegeben falls hineinschlüpfen kann?“

Der ehemalige Konstrukteur nickte ernst.

„Und dass Cynthia immer noch eine exzellente Schützin ist haben wir schon erfahren. Du wirst Dich zurückhalten und eventuell feindliches Feuer erwidern.“

Auch sie nickte zur Bestätigung.

„Ihr andern bleibt hier und seht zu, dass uns ein Fluchtweg offenbleibt. Brandulf hat das Kommando. Was er sagt wird getan. Sonst trete ich euch selbst in den Hintern.“

Es gefiel ihm nicht, dem Zwerg so viel Verantwortung zu überlassen. Allerdings kannte er die anderen beiden noch weniger. Noch dazu vertraute er dem einen, Andro, noch nicht einmal die Nachtwache an. Er hatte etwas an sich das ihm nicht gefiel. Er war zu ruhig. Er reklamierte nicht, er bedankte sich nicht, es schien als wäre er nur dazu da befehle entgegen zu nehmen und aus zu führen. Luvan kannte solche Männer. Gut genug, um zu wissen, dass sie treue Gefährten sind bis zu jenem Punkt, an dem das Fass überläuft.

Er zog den Zwerg ein wenig beiseite.

„Ich tue das nur ungern, doch ich muss dir vertrauen. Ich hoffe du enttäuschst mich nicht.“

Sichtlich beunruhigt blickte Brandulf zu den anderen beiden.

„Mein Geschäftssinn sagt mir ich solle verschwinden, solange ich noch alle meine Gliedmaßen habe.“

Er grinste Luvan ins Gesicht. Dasselbe Grinsen wie damals im Kerker.

„Doch ich will verdammt sein, wenn ich mir dieses Abenteuer entgehen lasse. Danach wird es aber Zeit das du mir einige Fragen beantwortest. Verlass dich auf mich!“

Obwohl die meisten seiner Reisegefährten unter schlechten Voraussetzungen zu dieser Mission gezwungen wurden machten sie den Eindruck als wüssten sie worauf sie sich einließen.

„Gehen wir.“

Drei Tage sind vergangen seit Cecil seine Herrin bewusstlos zu den Sanitätern brachte. Drei Tage in denen er keinen Schlaf fand. Drei Tage erfüllt von Waffenklirren, Kriegsschreien vermischt mit den Schreien der Verwundeten und Sterbenden. Unter anderen Verhältnissen hätte er gesagt, dass sie sich gut schlagen würden. Die Verluste ihrerseits beliefen sich nicht einmal auf den zehnten Teil der Opfer ihrer Feinde. Dies schien allerdings belang los zu sein. Egal wie viele sie erschossen, erstachen, die Mauer hinunterwarfen, den Schädel einschlugen oder mit kochendem Öl übergossen. Es waren sofort andere zur Stelle, die ihren Platz einnahmen. Es war als würde man gegen die Brandung ankämpfen. Kaum war die eine Welle verebbt ließ die nächste nicht lange auf sich warten.

Den äußeren Verteidigungsring verloren sie am zweiten Tag. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis der Innere ebenfalls nachgab.

Momentan war es ruhig auf den Wehrgängen. Nachdem die Scheusale die ganze Nacht versuchten mit Leitern die Mauer zu stürmen zogen sie sich bei Sonnenaufgang zurück. Auf den größeren Plätzen der Stadt konnte man Oger und Trolle dabei beobachten wie sie mit primitiven Werkzeugen Katapulte aufbauten. Sollten sie sie fertigstellen war alles verloren. Sie hatten keinerlei Möglichkeit von hier aus etwas gegen den Beschuss zu unternehmen. Cecils einzige Hoffnung bestand darin, dass Thalea sich nicht irrte. Nicolai war der einzige, der das Blatt noch wenden konnte. Vorausgesetzt er kam mit einer Armee.

Müßig ging er den Mauern entlang. Die meisten die noch kämpfen konnten standen an den Zinnen. Einige von ihnen suchten sich ein halbwegs bequemes Lager aus einigen Stofffetzen zusammen und dösten ein wenig. Viele waren so erschöpft, dass sie kaum aufrecht stehen konnten. Dennoch war an schlaf nicht zu denken. Sie könnten jederzeit wieder angegriffen werden. Und als wäre der Gedanke daran noch nicht schlimm genug erklang in der Ferne erneut das Horn, welches schon vor drei Tagen zum Angriff blies.

„Männer! Auf die Posten! Wir werden nicht aufgeben! Wir werden kämpfen oder sterben! Für Seenheim!“

„Für Seenheim!“

Sie konnten kaum noch stehen, doch ihr Kampfeswille war ungebrochen. Der Schlachtruf aus dutzenden von heiseren Kehlen machte Mut. Vielleicht würden sie noch einen Sonnenuntergang sehen bevor sie alle von der Horde dort unten zerfleischt werden würden.

Sie erreichten die ersten Ausläufer der Stadt ohne große Zwischenfälle. Die Angreifer rechneten wohl nicht damit, dass ihnen eine so kleine Gruppe in den Rückenfallen und großen Schaden anrichten könnte. Zwischen den Überresten von Häusern war jedoch größte Vorsicht geboten. Diese boten genug Möglichkeiten für Hinterhalte. Die drei schlichen sich von Gasse zu Gasse und versuchten bei dem allgegenwärtigen Gestank nach Verwesung und Kot nicht zu ersticken. Es war klar, dass hier Orks, Goblins und andere Kreaturen aus den Bergen am Werke waren. Sie leisteten ganze Arbeit was die Zerstörung der Stadt anbelangte.

Nach kurzer Zeit gelangten sie auf einen Kleinen Hof, der umringt von Fachwerksgebäuden war. Ein Marktplatz oder ähnliches auf dem vor einem Monat noch die Erzeugnisse aus den verschiedenen Betrieben verkauft wurde. In der Mitte des Platzes erhob sich ein grobschlächtiges Holzkonstrukt welches dürftig mit ellenlangen Nägeln und Seil zusammengezimmert wurde. Es hatte entfernte Ähnlichkeit mit einem Katapult oder einer Balliste. Drumherum standen zwei Oger und ein Troll beaufsichtigt von einem breitschultrigen Ork.

Stumm bedeutete Luvan den anderen beiden sich in die Schatten zurück zu ziehen. Es war aussichtslos. Sie mussten einen anderen Weg finden. Cynthia konnte den Ork mit ein oder zwei gut gezielten Pfeilen ausschalten. Luvan war in der Lage einen der Oger zu töten, sofern er schnell genug wäre und das Überraschungsmoment auf seiner Seite hätte. Allerdings waren dann immer noch zwei ziemlich große und kräftige Gegner am Leben. Diese konnten mit einem einzigen Hieb alle Knochen zertrümmern.

„Gibt es einen sichereren Weg in die Innerstadt als über solche Plätze Nicolai?“

Nach kurzem Überlegen nickte er.

„Im Osten der Stadt gibt es einen Turm. Von dort aus führt ein geheimer Gang bis zum Keller eines Adelshauses.“

Er wollte bereits aufstehen und den Weg weisen, doch Luvan zog ihn wieder in den Schatten.

„Wie kommst du darauf, dass dieser Gang noch nicht entdeckt wurde? Unsere Gegner sind nicht die Hellsten, doch ich glaube sie werden von einer durchaus Intelligenten Macht geführt.“

Nicolai schüttelte ihn ab.

„Vertrau mir. Zum einen ist der Turm verschlossen und zum anderen gibt es darin nichts zu sehen.“

Er zog eine Art Münze oder Amulett hervor.

„Nur wenn du diesen magischen Schlüssel an den richtigen Ort legst löst sich der Zauber und eine Falltür wird sichtbar.“

Luvan nickte anerkennend.

„Thaleas Werk?“

„Natürlich, sie liebt solch Heimlichtuerei.“

Ein furchterregendes Dröhnen erfüllte die Luft. Sie hörten wie in einiger Entfernung Schlachtrufe gebrüllt wurden und sich große Massen von gerüsteten Kriegern in Bewegung setzten.

„Sie greifen an! Wir müssen uns beeilen.“

Nachdem sie unzählige Umwege nehmen mussten, weil Trümmer oder Wachen den Weg versperrten schafften sie es ohne direkte Konfrontation ein großes Stück des Weges hinter sich zu bringen. Unvermittelt klopfte Cynthia Luvan auf die Schulter.

„Glaubst du wir überleben das?“

Er blickte sie nicht an und schwieg. Was sollte er auch sonst tun? Ihr sagen, dass die Chancen grösser sind morgen irgendwo angenagt und verrottend in den Gräben zu liegen?

„Ich glaube daran. Uns zwei kann so schnell nichts aufhalten.“

Er schwieg weiter.

„Jedenfalls, wenn heute alles nach Plan verläuft sollten wir zwei uns einmal… Unterhalten. Immerhin hast du mir dein Wort gegeben. Ich denke da an ein nettes Essen und anschließend könnten wir…“

„wenn alles nach Plan verläuft habe ich Wichtigeres zu tun als mich auf dich ein zu lassen.“

Er klang etwas gereizter als er eigentlich wollte. Aber so war nun mal seine Art.

„Dann eben, wenn es nicht nach Plan verläuft, wir aber überleben.“

Er seufzte.

„Was willst du eigentlich? Dir sollte doch inzwischen selbst klar sein, dass du dir keine Hoffnung mehr zu machen brauchst.“

„Ich will nur wieder wie früher bei dir sein. Nicht nur als Reisebegleitung, sondern…“

„Wir sind da. Und wir haben ein Problem.“

Unerwartet schnitt Nicolai ihr das Wort ab. Und tatsächlich. Da stand ein unscheinbarer Turm mit verschlossenen Türen. Allerdings waren auch vier Orks zugange welche mit Eifer versuchten hinein zu gelangen.

Luvan gab seiner Begleiterin mit Zeichen zu verstehen, dass sie sich darum kümmern sollte. Cynthia kletterte auf einen umgeworfenen Karren, der am Rand der Straße lag und zog ihren Bogen. Einen Pfeil steckte sie in das Holz des Karrens, einen anderen legte sie auf die Sehne. Nach einem Herzschlag des Zielens ließ sie die Sehne los und legte in einer fließenden Bewegung den zweiten Pfeil auf. Diesen schickte sie auf die Reise bevor das erste Opfer auf dem Boden lag. Beide Pfeile trafen. Der erste in den Hals des einen, der zweite in das linke Auge eines anderen.

Die verbliebenen zwei reagierten überraschend schnell. Sie zogen ihre schartigen Schwerter und stürmten in ihre Richtung. Geschmeidig wie eine Katze sprang sie auf die Straße und zog sich in einen Hauseingang zurück. Als die Angreifer in die Gasse stürmten schlug Luvan aus dem Schatten heraus zu. Er erwischte den einen mit seinem Langschwert an der Kniekehle woraufhin er wie ein Sack Kartoffeln der Länge nach auf dem Pflaster landete. Mit geübter Bewegung stach er ihm beim Vorbeigehen in den Nacken.

Der letzte überlebende der Gruppe erkannte seine missliche Lage. Mit rollenden, hervorquellenden Augen suchte er nach einem Fluchtweg. Quiekend rannte er in eine schmale Gasse. Luvan setzte ihm nach. Er durfte nicht entkommen, sonst hätten sie keine Chance mehr lebend raus zu kommen. Während dem Lauf zog er ein Wurfmesser aus der Halterung am Unterarm. Es war schwierig unter diesen Bedingungen zu werfen, aber es musste klappen. Als er schon zum Wurf ausholte blieb sein Ziel wie angewurzelt stehen. Mit gut einer Handbreit Stahl welches ihm aus dem Rücken ragte.

Röchelnd sank er zu Boden und gab den Blick auf Nicolai frei. Luvan konnte sich nicht erklären, wie er so schnell dort sein konnte. Er steckte das Messer zurück und ging zu seinem etwas Schockierten Erzfeind.

„Das… Das… Das wollte ich nicht. Ich habe noch nie getötet!“

Angewidert starrte er sein blutbesudeltes Rapier an.

„Wie konnte das passieren?“

Geekelt warf er die Waffe von sich. Luvan nahm das Schwert und reinigte es an der Kleidung des Erstochenen.

„Willkommen in meiner Welt. Gewöhn dich besser daran.“

Mit diesen Worten drückte er ihm die Fechtwaffe in die Hand und zog ihn zum Turm.

„Mach die Tür auf oder gib mir die Schlüssel.“

Sie hatten keine Zeit für Gewissensbisse und moralische Bedenken. Mit zitternden Fingern öffnete Nicolai die Tür und drückte die Münze auf eine kleine Vertiefung in der Wand. Ein Blitz zuckte über den Boden wie bei einem kleinen Gewitter. Anschließend begann der feste Untergrund durchscheinend wie Glas zu werden und einen Herzschlag später war eine hölzerne Falltür wo zuvor noch massiver Stein lag.

Luvan riss die Tür auf. Ein fauliger, modriger Geruch stieg empor, einem offenen Grab nicht unähnlich. Mit einem Schubser bedeutete er dem immer noch aufgelösten Nicolai voran zu gehen. Als er ihm folgen wollte zog ihn Cynthia zurück.

„Ich wollte nur sagen, dass du im Kampf noch immer eine verdammt gute Figur machst.“

Sie zwinkerte und drückte ihn in den Gang.

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