• Sinnlosoph

Feuerkrieger - 24. Kapitel: Keine Zeit zum Rasten

Es war ein schöner Frühlingsmorgen. Die Sonne stieg langsam in den Himmel und das Gezwitscher der Vögel erfüllte die Luft. Tau lag auf den saftigen Wiesen und einige Blumen präsentierten sich in farbenfroher Pracht. Nichts deutete darauf hin, dass die Welt vor dem Abgrund stand.

„Du solltest ihm ein wenig Ruhe gönnen. Und dir auch.“

„Ich kann nicht. Er braucht mich.“

Mit vor Tränen feuchten Augen blickte Cynthia ihrem neuen Freund Andro ins Gesicht. Er und die anderen beiden hatten wie vereinbart einen Fluchtweg gesichert. Als sich allerdings die Feinde zurück zogen wagten sie sich ebenfalls in die Stadt und halfen nun wo sie nur konnten. Arbeit gab es genug.



„Ich werde auf ihn aufpassen. Sollte er aufwachen werde ich nach dir rufen.“

Seine Stimme war warm und voller Mitgefühl. Sie passte so gar nicht zu seinem kämpferischen Äußeren. Resigniert nickte sie.

„Nicolai sagte, du könntest im Ostflügel Quartier beziehen. Nimm am besten das zweite Zimmer links. Das ist das größte.“

Mit einem müden Lächeln bedankte sie sich und verließ das Zimmer. Andro setzte sich mit einem Seufzer auf den Stuhl nahe dem Fenster. Er und Travos waren die einzigen die scheinbar noch bei Verstand waren. Der Zwerg Brandulf macht kein Auge zu aus Angst der Angriff sei noch nicht vorbei. Nicolai begrub sich in der Bibliothek, um Aufzeichnungen zu finden in denen ein gewisser Faelan erwähnt wird. Cynthia sorgte sich zu Tode und Luvan lag nun schon seit drei Tagen regungslos da. Er war ein seltsamer Kerl dieser Luvan.

Andro konnte nicht sagen woher er kam. Er hatte Kleidung so wie Ausrüstung aus sämtlichen Gegenden, die er kannte. Er hatte noch nie von ihm gehört und doch schien man ihn überall zu kennen. Wenn man den Geschichten glauben konnte, die er bisher über ihn aufschnappte, war er ein Kämpfer ohne gleichen. Und doch lag er nun wie tot neben ihm. Als sie in die Stadt kamen lag er im Lazarett. Obwohl offensichtlich ein Kampf stattfand war er bis auf einige leichte Prellungen unverletzt. Und doch war sein Puls so schwach, dass er mehr tot als lebendig war.

„Wasser…“

Ein heiserer Laut ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken.

„Bitte… Wasser…“

Luvan war zu sich gekommen! Er konnte kaum die Augen offenhalten und wirkte um ein Jahrzehnt älter, doch er war wach. Schnell reichte ihm Andro eine flache Schale mit klarem Wasser. Gierig trank er davon, verschluckte sich und sank völlig entkräftet zurück.

„Danke…“

Andro quittierte es mit einem Nicken.

„Hol die anderen… Wir müssen… weiter. Nach Süden!“

Seine Stimme war so schwach, dass sie kaum zu verstehen war.

„Die Akademie… Der Weise.“

Nun war er vollends entkräftet. Ohne ein weiteres Wort sank er in sich zusammen und fiel wieder in Ohnmacht.

„Du bist ein seltsamer Mann.“

Andro schüttelte den Kopf. Er hatte das Gefühl, dass die Reise erst begonnen hatte. Nicolai und Luvan war ein ähnliches Schicksal bestimmt. Und er würde ihnen Folgen. Dennoch hatte es keinen Sinn überstürzt auf zu brechen. Im jetzigen Zustand würden sie ohnehin nicht weit kommen. Langsam setzte er sich wieder auf seinen Stuhl und genoss die Aussicht auf das Land um sie herum. Was geschehen muss wird auch geschehen. Das Schicksal konnte auch noch einige Tage auf sie warten.

Sie trafen sich in der Versammlungshalle. Die sechs Gefährten saßen um einen länglichen, reich verzierten Tisch und diskutierten angeregt. Eine Woche war vergangen, seit die Schlacht um Seenheim ein jähes Ende gefunden hatte. Sieben Tage, in denen sie sich erholen und den Schrecken des Kampfes verarbeiten konnten. Selbst Luvan hatte sich ein wenig erholt obwohl er immer noch um einiges älter wirkte als noch zuvor.

„Wir müssen nach Süden gehen. Durch das Jochtal und vorbei an den Thyndred-Ebenen. Anschließend müssen wir das Fjallagebirge überqueren und in die Wüste.“

Luvan brauchte nicht auf die Karten zu schauen. Sie waren so wie so zu ungenau und unvollständig. Er kannte den Weg. Die anderen starrten ihn an. Manchen, zum Beispiel Brandulf sah man an, dass sie ihn nicht ernst nahmen und seine Äußerungen als Fieberträume abtaten. Andere wie Nicolai schienen schockiert und Cynthia war sogar beeindruckt.

„Wie kommst du darauf, dass uns das helfen würde?“

Nicolai war wie gewohnt schlecht gelaunt seit sie ihn im Rabennest aufgriffen. Dass er in den Aufzeichnungen nicht fündig wurde besserte seine Laune nicht.

„Er weiß schon was er tut. Ich vertraue ihm und werde ihm folgen.“

„Er weiß was er tut. Wenn du mich fragst weiß er nicht einmal wo wir gerade sind und was alles geschah. Er fantasiert. Ich denke, wir sollten zurück nach Esteborg. Um einem weiteren Angriff zu überstehen haben wir nicht genug Männer.“

Cynthia beschoss den Zwerg mit mörderischen Blicken.

„Uns zurückziehen? Und was wird aus Thalea?“

Nun geriet Brandulf ins Kreuzfeuer.

„Was haben nur alle mit dieser Frau? Ich meine, Such dir eine neue die dich nachts warmhält. So schwer ist das auch nicht.“

„Du wagst es so von meiner Frau zu sprechen?“

Drohend legte Nicolai die Hand auf sein Rapier.

„Noch ein Wort und ich hacke dir die Zunge ab kurzer!“

„Ruhe!“

Mit unerwarteter Geschwindigkeit richtete sich Luvan auf und stellte sich zwischen sie.

„Ihr versteht nicht um was es hier geht. Eure dummen Zankereien werden auch nicht helfen.“

„Wir wissen nicht um was es geht. Da könntest du recht haben. Aber vielleicht auch deshalb, weil du dir nie die Mühe machst uns etwas zu erklären. Du erwartest von uns, dass wir dir widerspruchslos in deinen Krieg folgen hältst es allerdings nicht für nötig uns einige Dinge zu verraten? Wie sollen wir verstehen was auf dem Spiel steht, wenn wir nicht einmal deine Rolle in dieser Scharade vollends durchschauen?“

Brandulfs Ausbruch blieb nicht ohne Wirkung. Alle Blicke richteten sich auf Luvan. Er seufzte.

„Du hast recht. Ich bin es euch langsam schuldig.“

Mit einem seufzen wandte er sich von den anderen ab. Bisher hatte er keinem außerhalb der Akademie die gesamte Geschichte erzählt. Selbst Cynthia, mit welcher er Jahrelang zusammen durch die Reiche zog wusste nur einen Bruchteil.

„Erzähl doch einmal woher du kommst. Wohin du willst und was es mit dieser verdammten Akademie auf sich hat. Sofern sie überhaupt existiert.“

Luvan schritt zum Fenster an der Nordseite.

„Ich weiß nicht woher ich komme. Ich wurde als Waisenkind in der Wüste gefunden. Von einer Art Mönchen, welche in der Akademie ihr Wissen mehrten und weitergaben. Sie nahmen mich auf und behandelten mich wie einen der ihren. Sie lehrten mich die verschiedensten Dinge. Von Volkstänzen über den Schwertkampf und das Bogenschießen bis hin zur Kunst der Medizin. Sie lehrten mich, dass die Welt durch die Elemente zusammengehalten wird und jeder Bewohner und jedes Lebewesen dieser Welt einen Teil dieser Energien in sich trägt.“

Die Gruppe lauschte gespannt. Keiner wagte es sich zu bewegen. Nach einer dramatisch kurzen Pause fuhr er fort.

„Sie erkannten schnell, dass ich etwas Besonderes war. Ich bin ein Kind des Feuers. Jene, die mich beim Kampf mit dem Ungeheuer erlebten konnten es sich vielleicht denken. Es gibt nur wenige, die dieses Element in sich tragen und so wurde mir eine besondere Ausbildung zu teil. Ich verbrachte Monate damit zu Meditieren und meinen Zorn zu beherrschen. Andernfalls hätte ich regelmäßig solche Ausbrüche und ihr seht ja was es mit mir anstellt.“

Cynthia und Nicolai wechselten vielsagende Blicke und auch die anderen schienen es langsam zu verstehen.

„Jedenfalls wurde mir gesagt, dass meine einzige Hoffnung auf ein glückliches Leben ein bestimmtes Wesen wäre. Ein Wesen, welches ein weitaus selteneres Element in sich trägt als das des Feuers. Ich musste jemanden finden, der dem Mond seine Kraft verdankt und es dazu bringen mich von meinen Qualen zu befreien. Mir wurde beigebracht die Zeichen zu lesen und jeden seinem Element zu zuordnen. Dann schickten sie mich hinaus in die Welt, um meine Bestimmung zu erfüllen.“

Endlich wandte er sich von dem Fenster ab und kehrte an seinen Platz am Tisch zurück.

„Wenn ich das richtig verstehe besitzt jeder von uns ein „Element“. Und du weißt, welches in wem schlummert? Wenn das wirklich so ist, dann verrate mir doch einmal meines.“

Brandulf war die Skepsis im Gesicht ab zu lesen. Umso herausfordernder waren seine Worte. Luvan seufzte.

„Erde. Jeder Zwerg besitzt von Natur aus das Element Erde. Cynthia wäre gerne so frei wie die Luft, die wir atmen und Nicolai besitzt die Beständigkeit eines Flusses oder der Gezeiten. Bei euch war es relativ einfach, da ihr im Gegensatz zu den meisten anderen praktisch nur ein einziges vertretet und deshalb markante Merkmale habt. Andro und Travos hingegen besitzen unterschiedliche Elemente. Andros vorherrschende Energie bezieht sich auf die Luft und gleichzeitig hat er einen nicht unerheblichen Teil Wasserenergie in sich. Eine relativ seltene Mischung. Travos hingegen ist wie die meisten Menschen praktisch komplett der Erde verbunden, besitzt allerdings auch einen geringen Teil Feuer, was ihn zu einem absolut durchschnittlichen Typ macht.“

Die Gruppe schwieg. Die meisten dachten über das gesagte nach. Ob es möglich wäre und wieso sie noch nie von einer derartigen Klassifizierung hörten. Cynthia wusste es hingegen bereits aus früheren Unterhaltungen mit Luvan und beobachtete die anderen. Wieder war es Brandulf, der das Schweigen brach.

„Schön. Das kann ja jeder erzählen. Aber wenn du uns Zwerge so gut kennst wirst du auch wissen, dass wir nicht jedem dahergelaufenen Schnorrer Glauben schenken. Beweise es!“

„Hör in dich hinein. Du wirst selbst sehen, dass ich recht habe. Und wenn du mir nicht glaubst kannst du entweder gehen, oder uns folgen und es dir vom Weisen der Akademie noch einmal erklären lassen.“

In den Bart grummelnd und mit mürrischem Blick verschränkte er die Arme vor der Brust. Er wollte verdammt sein, sollte er jetzt gehen. Jetzt, da es langsam wirklich interessant wurde.

„Was hat das alles mit Thalea zu tun? Wer ist Faelan und weshalb nannte er dich Kahd’jin?“

Meldete sich Nicolai zu Wort. Seine Stimme war ungewohnt ruhig und gefasst.

„Kahd’jin ist der Name, den mir die Mönche gaben. Luvan ist lediglich der Name, den ich hier nördlich des Fjallagebirges benutze. Ihr werdet sehen, ich besitze noch weitere Namen, welche ihr hier wahrscheinlich noch nie gehört habt. So heiße ich im Norden Wulfgar und in den westlicheren Gegenden Shintsu. Jedes Volk gibt mir früher oder später einen eigenen Namen, passend zu den Taten, welche ich dort vollbringe. Thalea hingegen ist eben das besagte Mondkind welches meiner Seele frieden schenken kann. Das einzige, welches ich je gefunden habe. Und ich vermute, dass Faelan sie raubte um sich ihre Macht zu Nutzen. Wofür weiß ich nicht, aber es wird für sie alles andere als angenehm und wahrscheinlich sogar tödlich sein. Faelan selbst kenne ich nicht. Zumindest habe ich ihn zuvor noch nie getroffen. Allerdings kam er in den Aufzeichnungen der Akademie vor. Sie bezeichneten ihn als die pure schwärze. Die ewige Verdammnis. Den Tod. Wenn er wirklich derjenige ist, für den ich ihn halte, haben wir es mit der personifizierten Quelle allen Übels zu tun. Sie besitzt schier unendliche Macht und kann nicht vollends gestoppt werden. Jetzt stellt euch vor, in was für einer Welt wir leben würden, wäre das Verderben unser allgegenwärtiger Herrscher. In kürzester Zeit wären wir zu seelenlosen Hüllen verbannt, ohne freien Willen mit dem einzigen Zweck unsere Energie zu speichern und ihm bei Bedarf zur Verfügung zu stellen. Durch unseren Tod. Sollte es so weit kommen könnte niemand auf der Welt etwas gegen ihn unternehmen. Und so wie es aussieht liegt es an uns diese Sache zu verhindern.“

Starr vor Schreck blickten alle zu Luvan auf. Selbst Cynthia, welche das meiste bereits einmal hörte erfuhr zum ersten Mal vom drohenden Weltuntergang. Brandulf hörte endlich mit dem beständigen Murmeln und Fluchen auf und Nicolai war noch verkrampfter als die letzten Tage hindurch.

„Nun da ihr wisst, gegen wen wir in die Schlacht ziehen werden steht es jedem von euch frei zu gehen. Es ist keine Schande sich zu fürchten. Wer die Furcht allerdings nicht unter Kontrolle hat gefährdet nicht nur sich, sondern die gesamte Gruppe, die Mission und somit die Welt.“

Luvan blickte einen nach dem anderen streng in die Augen. keiner von ihnen erwiderte seinen Blick. Außer Andro. Dieser strahlte als hätte er gerade den Schlüssel zur Hintertür eines Bordells gefunden.

„Klingt für mich nach einem Heiden Spaß. Und wenn wir dabei draufgehen dann wenigstens in lustiger Gesellschaft. Ich bin dabei, sag mir nur wie wir es anstellen sollen.“

Eindeutig. Dieser Andro ist ein wenig verrückt. das gefällt mir dachte sich Luvan.

„Wie gesagt müssen wir nach Süden in die Wüste. Dort werden wir in der Akademie einige zusätzliche Informationen erhalten und vielleicht wird uns die Ehre gewährt einige der dort gelagerten Artefakte zu nutzen.“

Brandulf horchte auf. Artefakte also. Die waren bestimmt viel wert. Womöglich sogar magisch. Selbst wenn alles nur ein Hirngespinst wäre, irgendetwas würde er dort schon finden, dass Niemand vermissen würde und sich schnell zu Geld machen ließe.

„Also worauf warten wir? Packt eure Sachen und machen wir uns auf den Weg!“

Brandulfs plötzlicher Einsatzwille überraschte die meisten. Luvan musste ihn allerdings zügeln.

„Lasst es uns erst einmal genau durchsprechen. Fehlt irgendjemandem etwas? wurde etwas beim Angriff der Horden zerstört oder verloren?“

Keiner meldete sich.

„gut. Dann würde ich vorschlagen, dass jeder sein Reisegepäck schnürt und wir uns auf dem Paradeplatz treffen. Nicolai, du besorgst Pferde. Travos und Andro, ihr seid für Verpflegung zuständig. Brandulf, du suchst einige Wertvolle Schmuckstücke zusammen, die wir gegen Proviant eintauschen können. Ich weiß, dass du das gerne tust.“

Mit einem Augenzwinkern wandte er sich zum Gehen.

„Cynthia, du kommst mit mir. Wir werden einige Werkzeuge und andere nützliche Utensilien zusammensuchen.“

Er war glücklich. Er wusste nicht ob es daran lag, seinen Plan endlich mit jemanden geteilt zu haben. Vielleicht auch daran, dass sie nun ein Ziel hatten oder, dass sie langsam warm miteinander wurden. Wahrscheinlich ein wenig von allem. Besonders aber, da er nun Zeit mit Cynthia verbringen konnte. Er würde es nie zugeben, aber er hatte sie wirklich vermisst.

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