• Sinnlosoph

Feuerkrieger - 4. Kapitel: Die Gefahren der Wildnis

Die beiden Krieger wanderten seit einigen Tagen unentwegt nach Norden. Sie hatten ihr Lager noch in der Nacht verlassen und nur das nötigste mitgenommen. Nach der Schlacht gab es dort nichts, was sie noch aufgehalten hätte. Der Winter war schon weit fortgeschritten. Travos schätzte es auf Ende Januar und dennoch war es nicht wirklich kalt. Es lag zwar ein wenig Schnee auf dem Boden, doch er fand keine Gewässer, die auch nur annähernd zugefroren waren. Ganz anders als bei ihm Zuhause. Kein Wunder konnten sich die Middländer so zahlreich vermehren, wenn sie den Winter nicht zu fürchten brauchten.

Sein Begleiter Andro sah die Dinge allerdings ein wenig anders. Er war in diesen Gefilden geboren und war nicht so abgehärtet gegenüber der Kälte. Seine Zähne schlugen in kurzem Abstand aufeinander und immer wieder rieb er die Handflächen aneinander, welche er in dicke Wollhandschuhe gesteckt hatte. Aber er beklagte sich nicht.



Der Wald, durch den sie gingen, war ruhig. Keine Vögel waren zu hören und auch die anderen Tiere schienen sich von ihnen fernzuhalten. Nicht einmal Spuren waren zu entdecken. Dieser Umstand bereitete Travos einige Sorgen. Eine solche Stille war nicht normal.

„Wohin gehen wir überhaupt?“, fragte Andro und versuchte seinen Unterkiefer einigermaßen ruhig zu behalten.

„Nach Norden“, war knappe Antwort.

Andro stöhnte. Seit dem letzten Gefecht waren die Unterhaltungen zwischen den Beiden immer karger geworden. Oft kam es auch vor, dass sie viele Wegstunden schweigend nebeneinander hergingen.

„Aber was ist im Norden, dass du unbedingt dorthin willst?“

Was sollte er sagen? Dass sie nicht zurückkonnten, weil sie den König und somit ihre Pflicht vernachlässigt haben und auf sie nur der Galgen wartet? Oder dass es dort die besten Huren und Spielhäuser gibt, die er kennt?

„Noch ungefähr drei Tagesmärsche entfernt ist eine Stadt, Esteborg. Dort können wir uns erst einmal erholen und mit Proviant eindecken. Danach sehen wir weiter.“

Andro schien zufrieden mit dieser Antwort. Travos allerdings wusste schon was er tun würde. Das erste Schiff nehmen, welches nach Sjora segelt, weit in den Norden und außerhalb der Gerichtsbarkeit der Middländer. So wanderten sie schweigend weiter.

Plötzlich war ein entferntes Quieken zu hören. Beinahe so als würde ein Schwein geschlachtet werden. Beide blieben wie auf ein Kommando stehen und schauten sich an. Der Wald zu ihrer linken erwachte zum Leben und überall schien Laub zu rascheln und kleine Äste zu brechen. Kaum hatten sie ihre Waffen gezogen stürzten drei Wurzelkobolde aus dem Dickicht und rannten quer über den Weg als wäre der Teufel hinter ihnen her. Einer der drei blickte mit vor Schreck geweiteten Augen zurück und stolperte dabei über einen Grenzstein, welcher in die Mitte des Weges eingelassen war. Er rollte ein Stück weiter und versuchte in aller Hast aufzustehen. In dem Moment als er sich wieder aufrichtete war ein ohrenbetäubendes Knacken zu hören und eine Wyvern schoss aus dem Unterholz hervor. Mit einem Sprung setzte sie über die beiden Reisenden hinweg und landete direkt neben dem Kobold.

Ein Flügelschlag schleuderte den vom Pech verfolgten gegen einen Baum und das Brechen der Knochen war über das Fauchen des Ungeheuers hinweg zu hören. Travos hatte von diesen geflügelten Echsen gehört. Sie waren etwas grösser als ein ausgewachsenes Pferd und hatten braune, mit grünen Flecken gesprenkelte Haut. Und sie waren äußerst gefährlich. Noch schien es, als hätte sie die beiden Zuschauer noch nicht bemerkt und so bedeutete Travos seinem Freund mit Handzeichen sich hinter einem Baum oder Felsen zu verstecken bis die Gefahr gebannt war.

Er hatte erwartet, dass sich die Wyvern an die Verfolgung der anderen Kobolde machte. Diese allerdings dachte nicht daran sich an seinen Plan zu halten und machte sich über ihre Beute her. Das Schmatzen und Knacken, welches dabei entstand, waren ähnlich widerlich wie der Boden eines Schweinestalls im Sommer. Allerdings hatte er auch wenig Lust dazu als Nachspeise zu enden.

Andro schien anderer Meinung zu sein. Er hielt sich zwar noch hinter einer umgestürzten Eiche versteckt, doch hielt er sein Schwert umklammert und wartete nur auf den richtigen Moment, um hervor zu springen. Dieser ließ nicht lange auf sich warten.

In dem Moment, als der Kopf der Echse ein weiteres Mal niederfuhr, um ein Stück Fleisch aus dem Bauch des Kobolds zu reißen, hechtete er aus seiner Deckung. Er rollte sich über die Schulter ab und führte noch beim Aufrichten den ersten Schlag. Er hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite, doch konnte die Flugechse zurückspringen und die Klinge schrammte nur über deren Klaue, ohne wirklich Schaden zu verursachen. Ein wütendes Fauchen folgte und das Biest fixierte ihre neue Beute.

Travos war in der Zwischenzeit zu dem Schluss gekommen, dass er seinen letzten noch lebenden Freund nicht im Stich lassen konnte. Also versuchte er in den Rücken der Wyvern zu gelangen und schlich sich von einer Deckung zur nächsten.

Andros nächster Angriff folgte mit größter Kraft, doch wenig Genauigkeit. Ein kleiner Schritt zur Seite brachte die Flugechse in Sicherheit und zugleich in eine günstige Position, um selbst zu einem Schlag an zu setzen. Andros Glück war es, dass die Wucht des Schlages durch nichts gebremst wurde und er so von der Masse des Schwertes nach rechts gezogen wurde. Der pfeilschnelle Kopf seines Gegners verfehlte ihn nur um Haaresbreite und giftiger Speichel spritzte auf seine Kleidung.

Travos stand nun auf den verfaulten Resten eines Baumstumpfes, das Schwert hoch erhoben und bereit zum Sprung. In dem Moment als Andros Schwert die Lederhaut des linken Flügels aufriss, stieß sich Travos ab, bereit den Kopf des Ungetüms mit einem Hieb zu spalten. Im Flug drehte er sich, so dass er Kopf voran dem Boden entgegenflog. Im letzten Augenblick ließ er seine Klinge niederfahren, so dass ihn die Kraft so weit drehte, dass er wieder auf den Beinen landen würde. Er spürte, wie Haut, Knochen und Sehnen dem kalten Stahl wichen und warmes Blut spritzte. Ein Blick über die Schulter zeigte, dass er sein Ziel nicht so getroffen hatte wie er es wollte. Der Kopf war noch dran. Und das sogar ganz. Stattdessen lag der linke Flügel sauber abgetrennt und noch leicht zuckend am Boden. Dahinter eine wild schreiende Wyvern.

Aus dem Gleichgewicht gekommen fixierte sie ihre Peiniger mit ihren Gelben Augen. Einen Augenblick herrschte absolute Ruhe. Die beiden Kriegsveteranen standen gespannt wie Stahlfedern zwei Schritt von ihr entfernt. Bereit, jedem Angriff auszuweichen und der Sache ein Ende zu bereiten. Die Flugechse allerdings fixierte sie regungslos und machte keine Anstalten noch einmal anzugreifen.

Ein markerschütternder Schrei zerriss die Stille und das nächste, was die beiden Freunde sahen, war der wild ausschlagende Schwanz, der im Dickicht verschwand. Sie standen noch einige Herzschläge so da, bis sie sich einander zuwandten.

„Alles klar bei dir?“ fragte Travos.

Ein Nicken beantwortete seine Frage.

„Dann sollten wir sehen, dass wir aus diesem Wald kommen. Wyvern leben meist in Gruppen. Und bitte, wenn du das nächste Mal den Tod suchst, warne mich vor.“

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