• Sinnlosoph

Feuerkrieger - 5. Kapitel: Pflicht und Verlangen

Luvan hatte es sich auf einem der beiden Stühle in seinem Unterschlupf gemütlich gemacht und las ein Buch. „Die Grundsätze der Religion von Middland“ war der Titel. Er selbst hielt nicht viel von Religion, doch war es immer sehr nützlich möglichst viel über andere zu wissen. Vor allem, wenn man unter ihnen zu Leben versucht. Die Beine hatte er auf den einzigen Tisch im Raum gelegt und über einander geschlagen. Im Schein der drei dicken Talgkerzen, die vor ihm standen, hatte sein schwarzer Umriss etwas Unwirkliches. Gelegentlich runzelte er die Stirn oder schüttelte den Kopf, als würden die Sätze vor ihm keinen Sinn ergeben. Ein Stöhnen ließ ihn von seinem Wälzer aufblicken. Hinter ihm in einer Ecke lag der Zwerg, den er vor einigen Stunden niedergeschlagen hatte. Offensichtlich war das kleine Volk gegenüber Hirnerschütterungen genau so empfindlich wie alle anderen. Da nützte ihnen auch der dicke Schädel nichts.



Mit einem Knall schloss er das Buch und legte es sorgfältig zurück in das Regal, welches an der Wand neben ihm stand. Gemächlich wandte er sich seinem Gast zu, um nach seinen Wunden zu sehen.

„Bleib liegen. Sonst reißt die Wunde an deinem Bein vielleicht wieder auf.“

Brandulf hatte diesen Satz schon mehr als genug gehört. Sein Beruf führte leider allzu oft zu Verletzungen, die behandelt werden müssen. Sei es aufgrund von rutschigen Dächern, unliebsamen Bekanntschaften, oder einer Kombination von beidem. Sein Entführer war offensichtlich nicht gerade mit Wortreichtum gesegnet. Das einzige was er in der Zwischenzeit Tat war ein Buch zu lesen, seine Waffen zu pflegen oder irgendwelche Substanzen zu mischen. Brandulf hingegen drängte es dazu hinaus zu gehen und aus dieser dunklen Höhle zu entfliehen. Kurz entschlossen stand er auf und humpelte durch den Raum. Wirklich eingerichtet war er nicht. Er konnte sich nicht vorstellen hier länger als nötig zu bleiben. Sein Blick glitt von einem Gestell zum anderen. Auf einem türmten sich Waffen, vor allem kurze Messer. Vom Stilett bis zum Langschwert war nahezu alles vertreten. Auf dem nächsten standen einige seltsam anzusehende Gebilde aus Glas und Messing, die er, wie er glaubte, schon einmal bei einem Alchemisten gesehen hatte. Auf dem letzten standen haufenweise Gläser mit flüssigen und festen Substanzen welche mit fremdartigen Buchstaben beschrieben waren. Er wankte darauf zu und streckte die Hand nach einem Behälter aus, der zur Hälfte mit einer gelblichen Flüssigkeit gefüllt war. Mit unnatürlicher Geschwindigkeit trat Luvan neben ihn und schlug ihm mit der Breitseite eines Messers auf die Finger.

„Wenn du schon nicht liegen bleibst, fass nichts an.“

Der Zwerg sah ihn gehässig von unten herauf an und rieb seinen Handrücken.

„Was ist an der Pisse so besonders, dass ich sie nicht anfassen darf?“ murmelte er mehr zu sich selbst als zu Luvan gewandt.

„Diese „Pisse“ ist ein Stoff, der aufwändig aus Schwefel hergestellt wird und dir die Haut zerfressen würde, wenn sie darauf käme. Und ich habe keine Lust dich ein weiteres Mal zu verarzten.“

Brandulf verstand zwar nicht genau, was er hörte, doch war ihm die Lust vergangen daran zu riechen oder gar den Finger hinein zu stecken.

„Und was ist in den anderen Gefäßen? Und überhaupt, wofür brauchst du das alles?“

Die Antwort lies etwas auf sich warten.

„Hauptsächlich sind es verschiedene Gifte. Aber auch Bestandteile von Brandsätzen und Bomben. Und damit, mein werter Freund, verdiene ich mein Brot.“

Er sagte es so gelangweilt als spräche er über den morgendlichen Gang zum Klo.

„Also bist du entweder ein Alchemist oder ein Auftragsmörder. Ich tippe auf den Mörder, wenn ich mir deine kleine Waffensammlung ansehe.“

Luvan hatte sich in der Zwischenzeit wieder auf den Stuhl gesetzt und las nun ein anderes Buch: „Der Mensch und die Elemente“. Es schien als habe er die letzten Worte des Verwundeten nicht mehr gehört.

„Sag mir eines: wen wolltest du um die Ecke bringen als wir uns trafen?“

Der Assassine schlug das Buch wieder zu und beobachtete seinen gegenüber. Könnte es sein, dass dieser Hehler nicht so dumm war wie er angenommen hatte? Er konnte es sich nicht leisten seine intellektuellen Fähigkeiten zu ignorieren.

„Nicolai, ich hörte er wäre hier in Esteborg, um den Bau der Verteidigungsanlagen zu unterstützen.“ Auf Brandulfs Gesicht wuchs ein Lächeln, das langsam zu einem Grinsen wurde und nicht aufhören wollte zu wachsen. Kurz bevor er glaubte, das Gesicht des Zwerges müsse in schallendem Gelächter zerspringen kam er auf ihn zu.

„Das trifft sich wunderbar. Darf ich fragen warum du seinen Tod wünschst? Hat es berufliche oder private Hintergründe?“

Luvan gefiel es nicht, in welche Richtung das Gespräch gelenkt wurde. Dennoch antwortete er. Er konnte ihn immer noch zu seinen Ahnen schicken, wenn er das Gefühl hatte er hätte seine Gedanken mit dem Falschen geteilt.

“Man könnte sagen, etwas von beidem. Zum einen ein Auftrag, zum anderen besitzt er etwas, das ich gerne hätte.“

Der Zwerg streckte ihm seine grobe Hand hin.

„Wie es der Zufall will, habe ich gewisse Informationen, die dir bei der Erfüllung deines Auftrags nützlich sein könnten. Ich biete dir meine Hilfe an und verlange nur eine Kleinigkeit.“

Luvan arbeitete für gewöhnlich allein. So wie es alle Assassinen taten. Doch bei Nicolai wollte er kein Risiko eingehen. Nicht ein zweites Mal.

„Nenne deinen Preis, Zwerg“

„Verrate mir, was du von ihm begehrst. Eine Information gegen ein Dutzend andere. Beinahe geschenkt würde ich sagen.“

Das Gesicht seines Handelspartners lies keine Motive erkennen. Luvan wusste nicht recht, was er davon halten sollte. Er hatte noch nie jemanden an seinem Leben teilhaben lassen. Und nun soll er sein höchstes Ziel einem nahezu Fremden anvertrauen? Dieser hielt ihm noch immer unentwegt grinsend die Hand hin. Schließlich schlug er ein.

„Ich hoffe für dich, dass du mir nützt“ sagte er selbstsicher. Allerdings wurde er das Gefühl nicht los einen großen Fehler begangen zu haben.

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