• Sinnlosoph

Feuerkrieger - 7. Kapitel: Ein alter Bekannter

Die lange Reise durch die Wildnis und das dürftige Essen laugte Travos aus. Umso mehr freute er sich auf eine anständige Mahlzeit und das gepolsterte Bett, welches er sich in der Stadt suchen würde. Diese Aussichten gaben ihm neue Kräfte. Zu allem Überfluss musste er die letzten beiden Tage seinen Freund Andro stützen. Im Kampfesrausch hatte er nicht bemerkt, dass ihm die Begegnung mit der Wyvern einen Klaffenden Schnitt am Oberschenkel bescherte. Man konnte von Glück reden, dass es nur ein Klauenhieb war und so kein giftiger Speichel in die Wunde gelangte. Trotzdem hatte sich die Wunde entzündet und eiterte heftig. Drei Mal am Tag mussten sie Anhalten, um die Stinkende Flüssigkeit heraus zu drücken und einen neuen, notdürftigen Verband anlegen. Andro ertrug es mit Fassung. Er zuckte nicht mit der Wimper, wenn Travos sich an die Prozedur machte. Dennoch fiel ihm das Laufen schwer.



All das verlor jedoch an Härte, seit sie am frühen Morgen die Stadtmauern erblickten. Man erkannte von weitem, dass fleißig daran gearbeitet wurde sie zu verstärken und an manchen Stellen schimmerten hell die frischen Steine der neu errichteten Türme. Zu ihrem Glück trugen noch beide ihre zerschlissenen Wappenröcke mit den Rangabzeichen. Sonst wären sie kaum bis zum Tor gekommen. So allerdings machten ihnen die Wartenden Händler und Bauern so gut es auf der Engen Straße ging Platz und flüsterten sich hinter hervor gehaltener Hand etwas zu. Als sie endlich beim Zollhaus direkt vor dem massiven Stadttor ankamen, war es schon beinahe Mittag und Travos konnte den Braten schon fast auf der Zunge schmecken.

„Abgesandte des Königs Zahlen zwei Silber.“

Die gelangweilte Stimme der Torwache klang blechern hinter dem Geschlossenen Visier des polierten Helmes. Mit einem seufzen kramte Travos in seinem Lederbeutel, den er an seinem Gürtel hängen hatte. Zwei Silbermünzen bedeutete, dass es heute ein Bier weniger zum Abendbrot geben würde. Gerade als er die Hand ausstreckte, um das Geld in die bereitstehende Kiste fallen zu lassen, klappte der Wächter sein Visier auf und ein erschrockenes, bärtiges Gesicht in der Blüte seiner Tage musterte ihn.

„Aber ihr seid ja gar keine Abgesandte. Ihr gehört zur Leibgarde. Das bedeutet der König… Wo ist er? Kommt er gleich? Ich muss Meldung machen.“

Schnell verbarg er das Gesicht wieder hinter dem Stahl des Helmes und hastete die Straße entlang. Travos wusste, was nun geschehen würde. Allgemeine Überraschung, ein verhör der vermeintlich Schuldigen und am Ende ein Hanfkragen. Wenn es gut ausging. Andro schien es noch nicht erkannt zu haben. Er versicherte sich, dass kein Uniformierter zu gegen war und scheffelte mit beiden Händen das Geld aus der Kiste in seinen eigenen Beutel. Immerhin gibt es heute Abend genug Bier, sofern wir es noch bis zur Schenke schaffen, dachte sich Travos und schleifte seinen Freund regelrecht in den Schatten eines Türrahmens.

Was sollten sie nun tun? Sie waren entdeckt worden. Die Aussichten auf eine erfolgreiche Flucht waren verschwindend gering. Und Untertauchen konnten sie auch nicht, solange Andros Wunde nicht fachmännisch versorgt wurde. Wie konnte er auch nur glauben unentdeckt in die zweitgrößte Stadt Middlands zu gelangen, ohne aufzufallen? Er sah ein, dass sein Plan doch nicht so gut durchdacht war, wie er geglaubt hatte.

„Gardisten! Wo seid ihr!“

Der Geschmack des Bratens auf seiner Zunge wich der Bitterkeit des Versagens.

„Hat niemand gesehen wohin sie gingen?“

Anstelle der Freude auf ein weiches Bett machte sich die Angst vor dem Strick breit. Oder der Henkersaxt. Oder schlimmerem.

„Da seid ihr ja. Es stimmt also. Der Abschaum der Elite ist eingetroffen.“

Die beiden Gefährten drehten sich langsam um. Andro lächelte wie immer vor sich hin. Travos erwartete einen bulligen Mann, der ihm das Blatt seiner Hellebarde unter die Nase rieb. Umso erstaunter war er, als er einen durchschnittlichen Kerl sah, der von oben bis unten mit Staub bedeckt war. Es dauerte eine Weile, bis er erkannte, wer es war.

„Nicolai! Ich dachte du wärst noch immer in Seenheim.“

„Nicht mehr. Der örtliche Lord hat mir einen beachtlichen Lohn zugesprochen, wenn ich die Bauleitung übernehme. Aber wir können später noch reden. Ich muss zurück an die Arbeit. Die Jungs bewegen keinen Finger, wenn ich ihnen sie nicht entsprechend antreibe.“

Mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete er sich wieder. Kurz bevor er bei der Leiter ankam, die zum Wehrgang führte, hielt er noch einmal inne und drehte sich um.

„Ihr seht müde aus. Macht es euch bei mir zuhause gemütlich. Ich möchte heute Abend keine Gäste die zu zerschlagen sind, um zu reden.“

Mit einem Augenzwinkern warf er Andro einen schweren Schlüssel zu, der an einer langen Lederschnur hing.

„Es ist gleich beim Marktplatz. Ihr könnt es nicht verfehlen.“

Andro fing den Schlüssel behände auf, kam aber ein wenig ins Stolpern und musste sich an der Mauer neben ihm festhalten. Doch das war Travos herzlich egal. Es schien, als käme er heute doch noch in den Genuss eines Bratens. Und vielleicht sogar einem Schlückchen Wein.

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