• Sinnlosoph

Feuerkrieger - 9. Kapitel: Das Ende der Irrfahrt

Der Winter war kalt. Das und einige andere Erkenntnisse erreichten seinen bisher so behüteten Geist. Er wusste nicht wie viel Zeit vergangen ist, seit seine gesamte Eskorte zerschlagen wurde. Er wusste auch nicht, wie er bisher überlebt hatte, oder wie er es die kommenden Tage oder gar Wochen anstellen sollte. Er hatte nie allein im Freien kampiert. Dazu kam, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, wo er war oder wohin er lief. Seit Monaten, so kam es ihm vor, streifte er durch den vom Schnee weiß bepuderten Wald, ohne auf einen Pfad oder gar auf Menschen zu treffen. Seit Tagen hatte er nichts Anständiges mehr zu Essen gehabt und seine Kleidung, die einst eng seine wohlgenährte Leibesfülle umspannte, hing zerrissen und dreckig in Fetzen von seinem ausgemergelten Körper.



Immerhin musste er nicht verdursten, da überall sauberer Schnee lag, den er sich in den Mund stopfen und sich vorstellen konnte, es wäre etwas zu kalter Wein aus Seenheim. Oder Met aus dem Norden. Da war die Chance grösser in der Nacht zu erfrieren oder von wilden Tieren zerfleischt zu werden. Oder nicht zu Letzt einfach zu verhungern. Er fragte sich, nicht zum ersten Mal in den letzten Tagen, ob er je wieder einen Menschen zu Gesicht bekam. Er wusste ja nicht einmal, ob es Vormittag oder Nachmittag war. Jegliches Zeitgefühl war dahin. Genau in einem dieser Momente, in denen tausende von existenziellen Fragen durch seinen Kopf gingen, blieb sein Fuß an etwas hängen, dass ihn zu Fall brachte. Vom Pech verfolgt wie er war, stürzte er einen Hang hinab. Unfähig anzuhalten kullerte er ungebremst an Bäumen und Sträuchern vorbei bis er schließlich unsanft von einem Baumstumpf gebremst wurde.

Nach einer Weile der Benommenheit versuchte er sich zu orientieren. Sein Blick schweifte über den Hang, den er wenige Momente zuvor heruntergerollt war. Er gewahrte einen umgestürzten Baum in seiner Nähe. Eine Eiche, Buche oder ein anderer blättertragender Baum. Dahinter sah er… einen Pfad! Viel mehr eine befestigte Straße. Zumindest für die Verhältnisse die in den Wäldern des Nordens herrschen.

Auf der Straße lag ein groteskes Gebilde aus ledriger Haut um das Unmengen von gefrorenem Blut war. Im ersten Augenblick konnte er sich weder rühren noch den Blick davon abwenden. Allmählich begannen allerdings die harten Fakten in seinen Verstand zu sickern und er begriff, dass der ledrige Haufen einmal etwas Lebendiges war. Mit dieser Erkenntnis ging ein unbändiger Brechreiz einher, welcher ihn zwang seinen ohnehin schon kargen Mageninhalt vor sich zu verteilen. Mit Entsetzen folgte sein Blick der blutigen Spur, die davon wegführte. Genauer gesagt gab es zwei davon. Die weit aus breitere führte gut zehn Schritt neben ihm ins Dickicht des Waldes. Die andere führte in Form von münzgroßen Flecken dem Weg entlang. Nach reifer Überlegung gelangte er zum Schluss keiner der Blutspuren zu folgen. Er hatte schließlich wenig Lust einem der beiden Kampfparteien zu begegnen. Folglich blieb ihm nur eine Möglichkeit: Dem Pfad entlang gehen und eine möglichst große Distanz zwischen ihn und diesen blutbesudelten Ort zu bringen. Zügig schritt er aus und steckte sich dabei eine weitere Hand voll Schnee in den Mund. Er hatte nun einen Weg und allzu lange wird es nicht dauern bis er in eine Stadt, ein Dorf oder wenigstens ein Gehöft gelangen würde. Es ging also wieder aufwärts.

0 Ansichten
This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now