• Sinnlosoph

Frage 202: Wann weinst du

Ich bin wirklich kein emotionaler Mensch. Meine beste Freundin sagte auch schon, ich hätte eine Gefühlsspanne wie ein Stein. Es gibt aber auch bei mir einen Punkt, der mich jedes Mal knackt.


Wann hast du das letzte Mal vor einer anderen Person geweint?



Meine Augen bleiben die meiste Zeit über trocken. Filme oder Serien haben mich noch nie zum Weinen gebracht. Genauso gab es auch im familiären Umfeld nur einige wenige Begebenheiten, bei denen die Tränendrüse aktiv wurde. Der Tod von Familienangehörigen hat hierbei nie zu Tränen geführt. Das bedeutet nicht, dass es mir egal gewesen wäre. Ich trauere aber auf eine andere Weise. Ich werde dann tendenziell stiller und versinke in Erinnerungen.


Wo es mich aber einmal erwischt hat, war bei der Hochzeit meines Bruders. Da ich Trauzeuge war, durfte ich aus nächster Nähe dabei sein, als sie den rechtsgültigen Vertrag zur Eheschließung unterzeichneten. Auch wenn ich es hier so plump und sachlich darlege, war der Moment für mich doch etwas Spezielles. Immerhin habe ich keinen unwesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass sich die beiden kennenlernten.


Der absolute Killer in Sachen Tränen ist und bleibt jedoch meine verstorbene Katze Sheela. Sie war die erste Katze, an die ich mich erinnern kann und begleitete mich, seit ich elf oder zwölf Jahre alt war. Wir hatten sie aus einem Tierheim geholt und sie war bereits eine etwas ältere Dame, als sie bei uns einzog. Damals war sie vielleicht sechs oder acht Jahre alt. Als sie dann im Alter von zwanzig Jahren eingeschläfert wurde, konnte ich leider nicht dabei sein, da ich da bereits ausgezogen war. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon eine ganze Weile taub. Wahrscheinlich hatte sie in einer Nacht einen Schlaganfall, was dazu führte, dass sie zusätzlich auch noch blind wurde und ihr Geruchssinn nicht mehr richtig funktionierte. Das waren die Gründe, weshalb der letzte Weg nicht auf mich warten konnte.


Ich hatte mit ihr eine sehr besondere Beziehung. Sie wusste, wann ich nachhause komme, in der Nacht lag sie in meinem Bett und wenn sie Angst hatte, kam sie zu mir. Auch die jungen Vögel, die sie im Garten fing, brachte sie immer in mein Zimmer und zerlegte sie da genüsslich. Ich war für sie die Vertrauensperson in der Familie und sie war für mich der stille, flauschige Zuhörer, den ich in meiner Jugend brauchte. Es schmerzt mich immer noch, dass ich sie nicht bis zum Schluss begleiten konnte. Und diese nicht verheilte Wunde ist wohl auch daran schuld, dass ich mir den letzten Weg mit meinen beiden eigenen Katzen nicht vorstellen kann, ohne Augenwasser zu vergießen.


Ich hoffe, dieser Tag ist noch in weiter Ferne. Momentan sind die beiden zwei Jahre alt. Wenn sie ein ähnlich langes Leben haben sollen wie meine Sheela, dann bleibt mir noch ein wenig Zeit. Ich kann es nur hoffen.


Was treibt euch die Tränen in die Augen? Seid ihr generell nah am Wasser gebaut, oder braucht es auch eine tiefe Bindung? Lasst es mich wissen!

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