• Sinnlosoph

Zodiac - 10. Kapitel: Landgang

Die Stimmung zwischen mir und Alix war sonderbar. Nach unserer Expedition auf dem Asteroiden hatten wir ein kurzes Gespräch. Ich erklärte ihr, dass es mir nicht bewusst war, dass sie eine weibliche Adalaari ist. Dem entsprechend hatte ich ihre Art nicht als eine Form der persönlichen Zuneigung wahrgenommen. Sie hatte darauf lediglich den Kopf geneigt und geschwiegen.

Es stellte sich heraus, dass die Kommunikation mit ihr deutlich schwerer war, als ich es in den letzten Jahren, die wir zusammen verbrachten, angenommen hatte. Zum einen fiel es mir auf einmal unglaublich schwierig ihr Verhalten richtig zu deuten. Ich begann, jede ihrer Gesten zu hinterfragen, analysierte jedes noch so kleine Wort. Leider konnte ich noch immer kaum etwas von der besagten Zuneigung erkennen.



Auf der anderen Seite wollte ich auch keine falschen Signale senden. Es war nicht so, dass ich ihr gegenüber prinzipiell abgeneigt gewesen wäre. Ich war mir aber auch nicht sicher, worauf ich mich einlassen würde. Ich wollte sie also weder von mir wegstoßen noch irgendwelche Hoffnungen wecken.

Ich muss zugeben, dass ich die Zeit mit ihr genoss. Allerdings bin ich bisher immer von einem rein beruflichen Verhältnis ausgegangen. Diese neue Sachlage verwirrte mich. Ich weiß noch nicht genau, wie ich zu der neu enthüllten Gefühlslage ihrerseits stehen soll.

Für mich war es ein Segen, als Kapitän Slate mich aufsuchte und mir von den nächsten Schritten berichtete.

„Wir werden in Kürze landen. Unsere Reserven an einigen Elementen sind gefährlich niedrig. Wir müssen sie wieder auffüllen, bevor uns noch die Nahrungsmittel ausgehen. Da die gesuchten Elemente vor allem in organischem Material zu finden sind, werden wir den nächsten Planeten ansteuern, auf dem es Pflanzen gibt.“

„Können wir von Bord gehen?“ fragte ich Hoffnungsvoll.

„Wir werden sicher einige Tage am Boden bleiben. Es steht ihnen und ihren Kameraden frei den Planeten zu erkunden.“

Das war genau das, was wir brauchten. Wir würden alle davon profitieren, wieder einmal etwas anderes als die Einrichtung der Zodiac zu sehen. Vor allem Tharen musste seine angestaute Energie loswerden. In den letzten Tagen wurde er immer gereizter und er sprach nun unablässig davon das Schiff zu meutern.

Wenig später setzten wir zum Landeflug an. Das Observatorium wurde wieder durchsichtig und wir konnten den Eintritt in die Atmosphäre so nah erleben, wie es nur irgendwie möglich war. Als das Glühen verklungen war, konnten wir unter uns einen grünen Planeten ausmachen, der über und über mit gigantischen Bäumen bewachsen war.

Die Zodiac fand einen geeigneten Gipfel, der genügend Platz bot, um zu landen. Mit einem sanften Stoß setzte der riesige Rumpf des Schiffes auf und wir konnten ins Freie treten.

Die Luft war zum Atmen geeignet. Im Vergleich zur Erde war der Sauerstoffanteil deutlich erhöht, allerdings war es ohne weitere Schutzmaßnahmen sicher. Ein netter Nebeneffekt war jedoch, dass wir von einem regelrechten Glücksgefühl überrollt wurden. Vielleicht lag es aber auch einfach an der Aussicht, sich wieder einmal frei bewegen zu können.

Von unserer Ausrüstung setzten wir uns lediglich die Helme auf, damit wir die Kommunikationsverbindungen aufrechterhalten konnten. Das war die einzige Bedingung, die uns der Kapitän auferlegte.

„Hier könnte ich mich zur Ruhe setzten.“ Sagte ich mit dem Blick auf das unter uns liegende Tal.

„Ich auch“ antwortete Alix.

„Mir ist es zu grün“ meldete sich auch Tharen zu Wort.

Wir machten uns zu dritt auf den Weg die umliegende Gegend zu erkunden. Kurze Untersuchungen zeigten, dass die Pflanzen ähnliche Strukturen aufwiesen, wie die auf der Erde. Sie haben sich jedoch der etwas anderen Atmosphäre angepasst, was sich in dickeren, fast schon hölzernen Blättern äußerte. Von Tieren fehlte soweit jede Spur. Wahrscheinlich wurden sie durch die Ankunft der Zodiac aufgeschreckt und verkrochen sich oder flüchteten in entlegenere Winkel des Dschungels.

Drei Tage verbrachten wir auf dem Planeten. Alix und ich errichteten uns ein einfaches Lager mit einem Unterstand, der uns vor der Sonne schützte. Den Höhepunkt bildeten jedoch die Hängematten, die wir uns aus den langen Stielen der Gräser geflochten hatten. Tharen errichtete um unsere kleine Lagerstätte Fallen. Wir hatten bisher noch keine anderen Lebewesen gesehen, doch sicher war sicher. Das war zumindest seine Ansicht. Zudem hatte ich das Gefühl, dass ihm die Beschäftigung ganz guttat. Dracks waren nicht gerade dafür bekannt lange still zu sitzen. Sie brauchten das Abenteuer, die Herausforderung und vor allem die Bewegung.

Am Abend des dritten Tages lagen wir alle in unseren Hängematten und genossen den Sonnenuntergang. Tharen erzählte Geschichten von Abenteuern, die er bereits erlebt hatte, während Alix ihre langen Arme nutzte, um uns zwischendurch einen kleinen Stoß zu geben.

„Diese Raumstation war also zur Hälfte mit Verbrechern gefüllt. Die andere Hälfte bestand mittlerweile aus Piraten, die ihre Kammeraden befreien wollten. Ich war irgendwo dazwischen und musste irgendwie wegkommen. Der einfachste Weg wäre gewesen, mir ein Loch durch die Wand zu sprengen.“

Da ertönte ein lauter Knall, dessen Ursprung keine fünfzig Meter von uns entfernt war. Wir wurden aus unseren Gedanken gerissen und ich fiel regelrecht aus meiner Hängematte. Wir sahen noch, wie sich einer der riesigen Bäume auf uns zu neigte und umfiel. Unser Lager verfehlte er nur knapp. Kurz darauf sahen wir auch, wer dafür verantwortlich war.

Durch das Dickicht des Dschungels schob sich eine schwarz glänzende Gestalt mit sechs Beinen und einem massiven Kopf, der in einer Art Schere endete. Schwarze Knopfaugen blickten uns an und ein Fauchen ertönte, da nahmen wir die Beine in die Hand.

Zum Glück war die Zodiac nicht weit entfernt. Im gestreckten Galopp hetzten wir auf die Ladeluke zu und sprangen hinein. Als ich zurück blickte sah ich noch, dass das Monster nicht alleine war. Mindestens fünfzig weitere dieser schwarzen Kreaturen schwärmten auf das Schiff zu und zerfetzten mit ihren Scheren alles, was ihnen in die Quere kam. Von unserem kleinen Lager war nichts mehr zu sehen. Ich musste dem Kapitän davon berichten.

„Sie sollten sich mit Insekten doch auskennen. Wenn es etwas gibt, was sich überall einnisten kann, dann sind es diese Viecher.“

„Aber sie sind riesig!“ keuchte ich, noch immer mit rasendem Herzen.

„Der Sauerstoffgehalt ist hier höher. Da können sie schon etwas grösser werden. Immerhin fliegen sie nicht.“

Die Gelassenheit, mit der der Kapitän das Geschehene kommentierte, grenzte schon an Lethargie. Selbst Alix, die ich noch nie gehetzt gesehen hatte, war bis zum Zerreißen angespannt.

„Entspannen sie sich. In der Zodiac sind sie sicher. Übrigens sind die Vorräte beinahe voll. In weniger als einer Stunde können wir aufbrechen.“

Da fiel mir wieder ein, weshalb wir überhaupt hier gelandet sind. Seltsamerweise hatte ich in den letzten Tagen nicht gesehen, dass die Zodiac auch nur ein Sandkorn bewegt oder aufgenommen hätte. Also fragte ich nach.

„Das Schiff fertigt sämtliche Strukturen selbst. Sie muss sich lediglich mit einer ausreichenden Menge der einzelnen Atome versorgen. Damit wir das vorhandene Ökosystem nicht stören, werden nur kleinste Bruchteile der Umgebung verwendet. Bei der Masse eines einzelnen Baumes richtet selbst die Sonneneinstrahlung mehr Schaden an als die Extraktion.“

„Und das reicht aus?“

„Die Sammlung wird großflächig durchgeführt. Mittlerweile haben wir den halben Planeten abgedeckt und dabei pro Quadratmeter nur einige duzend Atome entwendet.“

Wieder eine Technologie, die ich mir noch nicht einmal hätte erträumen können. Dennoch stand uns draußen noch immer ein ganzer Schwarm dieser Riesentermiten gegenüber. Da der Kapitän das Gespräch für beendet hielt und mich nicht weiter beachtete, ging ich wieder in das Observatorium und traf mich mit meinen Gefährten.

Tharen ging hektisch auf und ab und fluchte dabei unablässig.

„Ich habe ja gesagt, der Planet gefällt mir nicht. Hätte ich gewusst, dass wir es mit Rieseninsekten zu tun bekommen, hätte ich mein Gewehr mitgenommen. Ich wette, dieser Slate wusste davon und hat uns absichtlich hinausgeschickt. Der wollte doch, dass wir von den Viechern zerfleischt werden, damit er sich nicht die Hände schmutzig machen muss.“

Alix Stand wieder bei der Rüstung und schien geistesabwesend durch sie hindurch zu sehen. Ich beschloss, unseren aufgebrachten Gefährten für einen Moment kochen zu lassen und gesellte mich zu ihr. Immerhin hatten wir noch immer nicht darüber gesprochen, was nun zwischen uns stand.

„Ich erkenne die Gestalt. In unseren Geschichten heißen sie Phoros. Lange unterdrückten sie mein Volk, bis wir uns vor zwanzigtausend Jahren gegen sie auflehnten und vernichteten. Ich hielt die Geschichten nie für wahr. Es waren Legenden, die wir uns erzählten, um die Zeit zu vertreiben. Ähnlich wie die Menschen über ihre Götter sprechen. Diese Rüstung passt jedoch genau auf die Beschreibungen aus unseren Erzählungen.“

Noch nie habe ich sie so viele Sätze am Stück sagen hören. Bisher waren ihre Antworten, wenn sie denn überhaupt ausgesprochen wurden, kurz und knapp. Meistens begnügte sie sich damit, ihren Kopf zu neigen.

„Ich hoffe, der Besitzer dieser Rüstung ist längst zu Staub zerfallen.“

Sie wandte sich mir ruckartig zu, so dass die langen Arme wie Segel durch die Luft flogen.

„Ich habe etwas für dich.“

Sie griff in eine kleine Tasche, die sie an der Hüfte trug und zog einen kleinen Kristall hervor. Ich erkannte ihn als das Bruchstück aus dem Asteroiden wieder.

„Ich bin glücklich damit, wie es bis anhin war. Wir können so fortfahren und alles bleibt gleich. Das soll dich nur daran erinnern, dass du mir wichtig bist.“

Mit diesen Worten drückte sie mir den Stein in die Hand und ging an mir vorbei zu Tharen. Sie hatte den Kristall geschliffen, poliert und etwas hinein graviert. Nach genauerer Betrachtung erkannte ich ihr Profil, sowie einige adalaarische Schriftzeichen. Ich kenne einige der wichtigsten Schriftzeichen, die die Adalaari verwenden. Allerdings waren mir die Gravuren komplett fremd. In der nächsten freien Minute muss ich recherchieren, was sie zu bedeuten haben.

Ein unerwartetes Beben holte mich in die Wirklichkeit zurück und selbst Tharen verstummte. Als ich aufblickte erkannte ich, wie die Wände wieder verschwanden und wir vom Observatorium aus freie Sicht auf den Planeten erhielten.

Die Insekten hatten sich zusammengerottet. Nun bildeten sie eine wabernde schwarze Masse, die unter den Baumkronen zu erkennen war. Es mussten mittlerweile hunderte, wenn nicht sogar tausende von ihnen sein. Sie stiegen aufeinander und bildeten einen schwankenden Turm, der eindeutig die Spitze der Zodiac zum Ziel hatte. Aus irgendeinem Grund hielten sie sich jedoch vom Rumpf des Schiffes fern.

Langsam hob die Zodiac ab und schaffte so eine unüberwindbare Distanz zu den Tieren. Wenige Sekunden später flogen wir über sie hinweg und in Richtung des Himmels. Die Reise ging also weiter und ich hörte meine Gefährten erleichtert aufatmen.



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