• Sinnlosoph

Zodiac - 11. Kapitel: Bestattung

Während den nächsten Tagen flog die Zodiac weiter an den Rand des Perseus-Arm. Kapitän Slate verbrachte die meiste Zeit im Observatorium, wo er unterschiedliche Messungen durchführte und sie mit der Sternenkarte abglich. Wozu diese Messungen dienten und aus welchem Grund er sie tätigte, war mir schleierhaft.



Ich versuchte zunächst mit dem Terminal im Spielzimmer herauszufinden, was mir meine treue Assistentin auf den Kristall gravierte. Allerdings blieb meine Recherche erfolglos. Ich erfuhr lediglich, dass es sich um einen uralten Dialekt handeln musste, der vor allem in den kulturellen Überlieferungen der Adalaari verwendet wurde. Das würde zu ihrer Geschichte über die Phoros passen. Da diese Überlieferungen zu einem der wenigen Geheimnisse des Volkes gehörten, fand ich keine ausreichende Datengrundlage, um eine vernünftige Übersetzung anzufertigen. Vielleicht konnte mir der Kapitän weiterhelfen? Womöglich gab es in seiner Mannschaft einen Angehörigen der Adalaari, der es mir übersetzen würde. Er schien ihre Kultur zumindest ziemlich gut zu kennen. Auf mich allein gestellt würde ich jedenfalls keine Antworten auf meine Fragen finden.

Am sechsten Tag, als ich wieder einmal das Observatorium besuchte, war Slate in Begleitung eines Mannschaftsmitglieds. Der Uniform nach zu schließen handelte es sich um einen Offizier. Die beiden unterhielten sich in dem altertümlichen Dialekt, der mir nicht übersetzt wurde. Es musste sich jedoch um eine ernste Angelegenheit handeln, denn der Offizier riss die Augen auf, salutierte und eilte dann davon.

„Gibt es Probleme?“ Fragte ich ungezwungen.

Das Gesicht des Kapitäns war wie versteinert, der Blick seiner künstlichen Augen leer und kalt.

„Ich muss sie und ihre Gefährten nun darum bitten, auf dem Schiff auszuhelfen. Gehen sie zum Maschinendeck und folgen sie den Anweisungen meiner Mechaniker.“

Ich war etwas verwirrt über die unterschwellige Abneigung in seiner Stimme, gehorchte aber und machte mich auf den Weg. Vor dem Aufzug erwarteten mich bereits Alix und Tharen.

„Was ist los? Gibt es Schwierigkeiten?“ wollte der Dracks sofort wissen.

Mir blieb nichts anderes übrig als mit den Schultern zu zucken.

„Ich weiß genau so viel wie ihr. Der Kapitän unterhielt sich mit einem seiner Offiziere und schickte mich dann in den Maschinenraum.“

„Mist. Was hat der Kerl wieder vor?“

Im Maschinenraum erwarteten uns zwei Qwerk, die in ihren Schutzanzügen zwischen den Terminals hin und her huschten. Auch sie hatten dieselbe Klanmaske auf. Ich bin mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass sich die Qwerks auf der Zodiac zu einem eigenen Stamm zusammengeschlossen hatten. Sie unterhielten sich ebenfalls in der fremden Sprache, so dass wir auch von ihnen nicht erfuhren, was los war.

Aufträge erhielten wir keine, also standen wir nur da und reimten uns unsere eigenen Geschichten zusammen. Gab es vielleicht Störungen bei einem der Antriebe? Oder war einer der Reaktoren ausgefallen? War vielleicht die Antimaterie instabil geworden und wir würden bald alle in die Luft fliegen?

Mehrere Erschütterungen gingen durch den Rumpf des Schiffes. Keine war groß genug, um auf ernsthaften Schaden hinzuweisen. Dennoch verunsicherte uns die ungewisse Lage zunehmend. Die beiden Qwerk schienen sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Sie gingen stur ihrer Arbeit nach und unterhielten sich zwischendurch kurz miteinander.

Nach mehreren Stunden, die sich wie Tage anfühlten, wurden wir von den Qwerks entlassen. Sie schickten uns in unsere Kabinen, die wir bis zum nächsten Tag nicht mehr verlassen sollten. Mir kam es ganz gelegen, denn das Herumstehen und die nagende Angst hatten mich zermürbt. Auf meinem Zimmer angekommen legte ich mich hin und schlief sofort ein.

Als ich erwachte, kam mir die ganze Geschichte wie ein schlechter Alptraum vor. Das Geschehene wirkte unwirklich und fern. Um den Kopf frei zu bekommen und mich wieder auf das Hier und Jetzt konzentrieren zu können, machte ich mich wieder auf den Weg zum Observatorium.

Kapitän Slate erwartete mich dort bereits. Sein Gesicht war fahl und dunkle Ringe zeichneten sich unter seinen leuchtenden Augen ab. Er ging unruhig auf und ab und behielt dabei die Tür zu seiner Kabine stets im Blick. Hatte er überhaupt nicht geschlafen?

„Davies! Sie sind doch Ingenieur. Kennen sie sich mit bionischen Erweiterungen aus?“ fragte er mich schroff.

„Ein wenig. Mein Hauptgebiet liegt nicht gerade in der transhumanen Schnittstelle, doch einfache Reparaturen kann ich vornehmen.“

„Würden sie einem meiner Leute helfen?“

„Ich kann es versuchen. Was ist mit ihm?“

„Mit ihr. Sehen sie selbst.“

Er führte mich in seine private Kammer. Auf dem Tisch lag eine nackte Frau mit heller, fast weisser Haut und leuchtend blauen Haaren. Verschiedene, mechanischen Implantate waren zu sehen. Ganze Körperteile wurden ihr ersetzt. Ihr linker Arm und das rechte Bein waren komplett mechanisch. Durch die gesunde Haut auf ihrer Brust schimmerten Metallplatten hervor, wo eigentlich das Brustbein hätte sein müssen. Sie machte auf mich einen gesunden Eindruck, wenngleich ich noch nie so viele Implantate bei einem einzigen Lebewesen erlebte. Ich musste aber auch zugeben, dass ich noch nie zuvor eine so meisterhafte Einbindung der Bionik gesehen hatte.

Meist waren die Implantate eher schlecht als recht angebracht und der Übergang zwischen Fleisch und Metall war oft entzündet. In einigen extremeren Fällen wurden die Implantate komplett abgestoßen und die daraus entstehende Infektion tötete nicht selten. Hier schien jedoch alles zu harmonieren.

Ein kurzer Scan zeigte, dass noch weitere Implantate im Körper der Frau versteckt waren. So war der linke Lungenflügel, Teile der Leber und einzelne Muskeln komplett ersetzt worden. Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass beinahe die Hälfte des Körpers anorganischen Ursprungs war.

„Was ist passiert?“

„Das ist unerheblich. Gehen sie davon aus, dass sie von einem Energiestoß getroffen wurde.“

Das würde erklären, weshalb der Körper scheinbar unverletzt war, aber die Implantate keine Reaktionen zeigten. Die verbliebenen Organe versuchten ihr bestes, den Körper am Leben zu halten, doch die Lebenszeichen wurden immer schwächer.

„Wie sieht es aus?“ fragte Slate.

Ich zögerte.

„Sie wird es nicht überleben. Wahrscheinlich sind einige Schaltkreise durchgebrannt. Ich müsste sämtliche Geräte ersetzen. Dafür bin ich nicht gut genug. Ihre verbliebenen Organe würden eine solche Prozedur ohnehin nicht überstehen. Es tut mir leid.“

Der Kapitän drehte sich zur Wand.

„Gehen sie. Ihre Pflicht ist erfüllt.“ Sagte er mit brechender Stimme.

Obwohl wir nicht viel von seiner Mannschaft sahen, konnte ich mir vorstellen, wie nahe er ihnen stand. Immerhin durchstreiften sie gemeinsam das Universum. So wie es mir der Kapitän erklärte, gab es nicht viele Neuzugänge und die Mitglieder kannten sich bereits seit Jahren. Ich überließ ihn also seiner Trauer und gesellte mich zu meinen eigenen Kameraden.

In der darauffolgenden Nacht vollzog die Zodiac einen weiteren Sprung. Wie mir die Sternenkarte verriet, befanden wir uns nun mitten im Äußeren Arm der Milchstraße. Wieder überraschte mich der Kapitän, indem er scheinbar aus dem Nichts auftauchte.

„Wir werden in Kürze eine Expedition starten. Sie sind herzlich dazu eingeladen.“

„Allein?“

„Ihre Gefährten dürfen gerne mitkommen.“

Also machten wir uns bereit und zogen unsere Anzüge an. Bei der Lucke für den Ausstieg trafen wir auf insgesamt elf weitere Mitglieder der Crew. Sie alle hatten bereits die Ausrüstung angezogen und ich konnte keines ihrer Gesichter erkennen. Als wir alle versammelt waren und der Druck in der Kammer abgefallen war, verließen wir gemeinsam die Zodiac.

Obwohl wir alle mit den Kommunikationsmodulen verbunden waren, wurde nicht gesprochen. Kapitän Slate übernahm die Führung und wir landeten auf einem gigantischen Asteroiden. Dieser musste mehrere tausend Kilometer im Umfang betragen, denn die Oberfläche wirkte beinahe flach. Zudem herrschte eine durchaus wahrnehmbare Schwerkraft, die das Laufen auf der Oberfläche etwas einfacher machte.

Wir folgten dem Kapitän schweigend in eine Senke, wo sich die Mannschaft im Halbkreis aufstellte. Erst jetzt bemerkte ich, dass zwei der Matrosen, die das Ende des Zuges bildeten, einen in weiße Tücher gehüllten Gegenstand bei sich trugen. Slate gab ein Zeichen, woraufhin sich einer der verbliebenen Mitglieder daran machte eine Grube auszuheben. Da wurde es mir klar.

Wir waren gerade Teil einer Bestattungszeremonie. Der eingehüllte Gegenstand war die Leiche der Frau, die ich am Vorabend noch untersuchte. Die anwesenden Personen mussten wohl ihre engsten Vertrauten und Freunde sein. Auf einmal fühlte ich mich fehl am Platz. Ich hatte die Frau nur einmal gesehen. Sie war nackt und lag im Sterben. Meine Freunde hatten gar keinen Bezug zu ihr. Wir hätten nicht dabei sein sollen.

Als das Loch tief genug war, legten sie die Leiche behutsam hinein und deckten sie wieder zu. Schweigend standen sie da und starrten auf den neu errichteten Steinhaufen. Slate war der Erste, der sich abwandte und den Rückweg antrat. Nach und nach folgten ihm die anderen. Noch immer wurde nicht gesprochen und jeder hing seinen eigenen Gedanken und Erinnerungen nach.

Zurück auf der Zodiac machte sich eine beklemmende Stimmung breit. Der Kapitän verschwand augenblicklich und wir blieben ein weiteres Mal allein im Observatorium zurück. Wir versuchten auf andere Gedanken zu kommen, doch noch nie war uns das Risiko und die Möglichkeit des Todes während unserer Reise so bewusst, wie in diesem Moment.



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