• Sinnlosoph

Zodiac - 12. Kapitel: Navigation

Für Alix war Kapitän Slate ein gefallener Offizier. Aus irgendeinem Grund hatte er alle Titel und die damit verbundene Macht verloren. Dennoch hielt er an den Strukturen auf seinem Schiff fest und verfolgte eisern seine ihm selbst auferlegten Regeln und Ziele. Wie auch immer diese im Detail aussehen mochten.



Tharen sah ihn ihm einen gemeinen Piraten, der seine eigenen Ziele verfolgte und dafür auch über Leichen ging. Die Zodiac verfügte unseres Wissens nach über keine Form der Bewaffnung. Das sie aber durchaus in der Lage war ein Schiff zu beschädigen, hatten wir bereits beim ersten Kontakt am eigenen Leib erfahren. Aus seiner Sicht war es das Beste, wenn wir ihn so schnell wie möglich unschädlich machen und zurück in heimische Gefilde fahren würden.

Ich selbst hatte mir noch kein endgültiges Bild von unserem Kapitän gemacht. Die letzten Ereignisse zeigten, dass er durchaus abgebrüht war und mit so mancher harten Situation mühelos fertig wurde. Gleichzeitig war er im Inneren immer noch ein gutmütiger Anführer, dem das Wohl seiner Mannschaft am Herzen lag.

Uns nannte er seine Gäste, gewährte uns genug Freiheiten, dass wir uns nicht gefangen fühlten und sorgte für unser Wohlergehen. Gleichzeitig verunmöglichte er jede Art der Flucht, was uns gleichermaßen zu seinen Gefangenen machte.

Für mich als Techniker war die Reise das aufregendste Abenteuer, dass ich mir wünschen konnte. Ich lernte täglich neue Technologien kennen und durfte einen Großteil davon sogar auseinandernehmen und studieren. Die Erkenntnisse, die ich daraus gewann, schrieb ich mittlerweile in einem altmodischen Buch auf, welches ich in einem abgelegeneren Winkel des Spielzimmers fand. Das war eine Vorsichtsmaßnahme, damit mir der Kapitän nicht so leicht den Zugriff auf die gewonnenen Daten verwehren konnte. Es zeigte aber auch, dass ich ihm wahrscheinlich weniger vertraute als er mir.

Ich erkannte in den Gesprächen mit den anderen, dass die Reise für sie durchaus interessant war, sie sich aber nach einer Rückkehr sehnten. Gerade nach der Bestattung vor einigen Tagen griff die Angst um sich, dass auch wir womöglich auf einem namenlosen Asteroiden unter einem Haufen Trümmer begraben werden könnten. Ich stimmte also zu, die nächste Möglichkeit zur Flucht zu nutzen. Wie sich diese gestalten sollte, war uns allen jedoch noch unklar.

Wir reisten fast zwei Wochen dem äußeren Arm entlang, als wir plötzlich stehen blieben. Es fiel mir auf, da ich zu diesem Zeitpunkt gerade die Sternenkarte studierte, um einen möglichen Fluchtweg auszukundschaften. Der Umstand, dass wir so weit vom Orion-Arm entfernt waren, machte es praktisch unmöglich. Selbst wenn wir eine Rettungskapsel kapern konnten, würden wir die Ankunft in unserer Heimat nicht mehr erleben.

„Wir befinden uns in einem günstigen Winkel zum Zentrum der Milchstraße.“

Kapitän Slate schien Gefallen daran gefunden zu haben, sich anzuschleichen und mich mit unvermittelten Ansprachen zu erschrecken.

„Wie ich sehe, interessieren sie sich sehr für die Sternenkarte.“

„Ich habe noch nie eine solch ausführliche und genaue Karte gesehen. Wie wird sie aktualisiert?“

„Die Bewegungen der Sterne und aller anderen Objekten wird durch einen leistungsstarken Quantencomputer ermittelt. Dabei werden alle Möglichkeiten parallel berechnet und die wahrscheinlichste davon dargestellt. Die weniger wahrscheinlichen werden zwischengespeichert. Sobald die vorhandenen Daten einen anderen Schluss erzwingen, können sie wieder herangezogen werden.“

„Das ist erstaunlich!“

„Eine Kleinigkeit.“

Slate verschob den Abschnitt der Karte und fokussierte unsere derzeitige Position.

„Die Zodiac berechnet ihre Lage auf Basis von Pulsaren der verschiedenen Neutronensterne. Aus den empfangenen Signalen wird die Position im dreidimensionalen Raum trianguliert. In dieser Hinsicht funktioniert sie also gleich wie die Schiffe des Bundes. Diese Technik ist so alt wie die Raumfahrt selbst.“

Er drehte sich zu mir, blickte mich eindringlich an und kam einen Schritt näher.

„Möchten sie einen Pulsar sehen?“ flüsterte er mir zu.

„Aber ja,“ hauchte ich als Antwort.

„Es könnte etwas turbulent werden. Bereiten sie sich also gut darauf vor.“

Daraufhin trat er zurück und verschwand ohne ein weiteres Wort.

Pulsare als Art der Navigation im Weltraum waren schon seit Jahrhunderten bekannt. Es galt als universelle Form der Punktbestimmung. Letztendlich fanden die Adalaari mit Hilfe der Koordinaten, die auf der Plakette der Pioneer 11 angebracht wurden zu unserem Sonnensystem. Bis zu ihrer Entdeckung waren die Daten bereits mehrere Jahrhunderte alt. Dennoch war es ihnen möglich die exakte Position der Erde zu bestimmen. Wäre das nicht passiert, würden wir wohl heute noch auf dem Mars festsitzen und kaum weiter als über unseren eigenen Tellerrand sehen. Einen solchen Pulsar nun mit eigenen Augen zu erblicken, war eine einmalige Gelegenheit.

Während ich mir vorzustellen versuchte, wie ein so schnell rotierender und gleichzeitig derart dichter Körper in Natura aussehen würde, kamen Alix und Tharen ins Observatorium.

„Eine wahnwitzige Idee des Kapitäns. Es gibt nicht viel, was einen Neutronenstern von einem schwarzen Loch unterscheidet. Und er will einfach so darauf zu fliegen?“

Offensichtlich war der Dracks nicht vom Forschergeist beseelt, der mich gepackt hatte. Er betrachtete das Vorhaben als Selbstmordkommando.

„Die Zodiac wird das schon aushalten. Das Schiff hat uns nun schon mehrere tausend Lichtjahre unbeschadet durch das Weltall gebracht. Ein wenig Gravitation wird daran nichts ändern.“

„Und was, wenn die Antriebe ausfallen?“ hielt er streitlustig dagegen.

„Wir haben die Antriebe geprüft. Sie funktionieren.“ Eilte mir Alix zu Hilfe.

„Dann erzähl doch, wie wollen wir der magnetischen Strahlung begegnen?“

„Die Hülle ist abgeschirmt.“ Erwiderte ich gelassen.

„Die Antriebe und Reaktoren funktionieren und das schlimmste, was wir uns holen können, ist ein Sonnenbrand.“

Tharen verwarf die Hände in der Luft. Zum ersten Mal auf dieser Reise gab er sich geschlagen.

„Und du hast keine Angst?“ fragte er scharf an Alix gewandt.

Sie legte den Kopf schief und verschränkte die langen Arme.

„Wenn Noah sich nicht fürchtet, warum dann ich?“

Sie schaute zu mir und unsere Blicke trafen sich. Zum ersten Mal glaubte ich die Zuneigung zu erkennen, die ich die letzten Wochen in jeder ihrer Bewegungen suchte.



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