• Sinnlosoph

Zodiac - 13. Kapitel: Pulsar

Wir wurden früh geweckt. Diesmal nahmen wir ein kleines Shuttle, welches uns besser vor der Strahlung schützte als lediglich die Anzüge. Die Zodiac selbst blieb ein gutes Stück zurück. Wie der Kapitän mir erklärte, wollte er einige Messungen vornehmen, während wir unterwegs waren und dafür musste der Pulsar in seiner vollen Pracht erfasst werden.



Wir flogen einige Stunden zusammengepfercht auf den Stern zu. Währenddessen kamen auch mir erste Zweifel. Ich hatte am Vorabend noch gesagt, dass die Zodiac für eine solche Aufgabe gut gerüstet sei. Da wusste ich aber noch nicht, dass wir uns mit einem kleinen Shuttle nähern würden. Würde dieses Transportschiff den Anforderungen gerecht werden? Ich fragte mich auch, wie wir die Strahlen beobachten wollten, denn Fenster gab es an diesem Fahrzeug keine.

Auf ein Zeichen des Kapitäns hielt unser Pilot an und die Triebwerke wurden umgeleitet. Die Leistung reichte aus, um die Anziehungskraft des Sternes auszugleichen. Das war für ein so kleines Schiff eine beachtliche Leistung.

Wir vergewisserten uns, dass die Anzüge richtig saßen und alle Instrumente funktionierten. Slate gab uns letzte Anweisungen, wie wir uns verhalten sollten, da öffnete sich schon die Lucke.

Unsere Stiefel hafteten dank leistungsstarken Magneten an der Oberfläche des Shuttles und ermöglichten uns, uns frei darauf zu bewegen. Die Lucke zeigte zur Zodiac, welche als kleiner Punkt in der Ferne auszumachen war. Das bedingte allerdings, dass wir einen kleinen Kletterakt vollbringen mussten, bevor wir den Anblick bestaunen konnten.

Trotz der haftenden Stiefel riss mich die herrschende Anziehungskraft beinahe weg, als ich über die Kante des Shuttles steigen wollte. Nur die schnelle Reaktion und langen Arme von Alix bewahrten mich davor auf den Stern zuzustürzen. Was wir aber sahen, rechtfertigte jedes Risiko.

Wir waren so nah am Stern, dass er unser gesamtes Blickfeld ausfüllte. Dank der speziellen Visiere, die die Wellenlänge entsprechend angleichen konnten, war es uns möglich, sämtliche Strahlung zu sehen, die vom Pulsar hinausgeschleudert wurde. Teilweise wirkte es fast so, als stünden wir am Rand des Magnetfeldes. Ich hatte das Gefühl, ich müsste nur die Hand ausstrecken, um die verwirbelnden Strahlen zu berühren.

Alix und Tharen standen ebenfalls regungslos und mit offenen Mündern da. Selbst Slate hatte es die Sprache verschlagen. Wie lange wir da standen und das Farbenspiel in uns aufsogen, konnte ich nicht sagen. Plötzlich riss uns eine Durchsage des Piloten in die Gegenwart zurück.

Er sprach wieder in diesem unverständlichen Dialekt. Am Tonfall und der Reaktion des Kapitäns konnte ich jedoch erkennen, dass es keine positiven Neuigkeiten waren.

„Wir müssen zurück. Los, los, los!“

Die Dringlichkeit in seiner Stimme löste auch das letzte bisschen Lethargie und wir eilten zur Lucke. Schneller als erwartet saßen wir wieder zusammengepfercht im Shuttle und warteten auf den nächsten Befehl.

„Unsere Energiereserven haben sich schneller verbraucht als berechnet. Ich weiß nicht, ob wir noch genug Schub haben, um zur Zodiac zurück zu kehren.“

„Hah! Ich habe es doch gesagt!“

Tharen schien den Ernst der Lage nicht erkannt zu haben. Er war der einzige, der schadenfroh grinste und keineswegs bedrückt wirkte. Währenddessen versuchte der Pilot so viel Leistung wie noch möglich aus dem Antrieb zu quetschen. Auf den Systemen konnte ich aber bereits erkennen, dass es nicht reichen wird. Die Anzeige der Reserven näherte sich bedrohlich schnell dem Nullpunkt.

„Schließe das irgendwie an, so dass es den Antriebskern speist.“

Tharen, noch immer grinsend, streckte mir eine Fusionszelle entgegen. Diese Hochleistungsbatterien hatten eine enorme Energiedichte, waren aber äußerst Störungsanfällig.

„Keine Sorge, wenn du es vermasselst. Ich habe noch mehr dabei.“

In meinem Kopf formte sich ein Plan. Zum Glück hatte ich zusammen mit Alix erst vor kurzem die Antriebe der kleineren Shuttle untersucht. Dem entsprechend einfach war es für uns, die nötigen Leitungen freizulegen und den Fusionskern in das Netz zu speisen.

Augenblicklich zeigte sich eine Energiespitze auf den Terminals, die aber sogleich wieder abflachte. Auf der Karte konnte ich erkennen, dass wir einen kleinen Sprung machen konnten, aber immer noch zu nah am Stern waren, als dass die restlichen Reserven ausreichen würden.

„Ich brauche mehr!“

Tharen stand auf und entleerte den Inhalt seines Rucksacks. Darin befanden sich neben kleinen Snacks und unförmigen Einzelteilen noch neun weitere Fusionszellen.

„Wieso hast du überhaupt so viele davon? Eine allein ist schon ein Risiko. Die kleinste Beschädigung der Hülle lässt sie explodieren.“

Der Dracks zuckte lediglich mit den Achseln.

„Während du und deine Freundin am Schiff herumgewerkelt haben, habe ich mir eine neue Waffe gebaut. Ein Schienengewehr, welches die Ladung auf bis zu 26% der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Dafür brauchte ich etwas Energie.“

Alix begann sogleich damit, die Zellen vorzubereiten und in Serie zu schalten. Als sie fertig war, verbanden wir den Schaltkreis und warteten ab.

Die Ladung reichte aus, um uns bis auf wenige Kilometer an die Zodiac heranzubringen. Die restliche Strecke konnte die Restenergie der Antriebe bewältigen. Slate hielt sich die gesamte Zeit zurück und betrachtete den ansonsten so widerspenstigen Gast eindringlich.

„Danke, mein Freund.“ Sagte er schließlich.

Tharen winkte ab.

„Andernfalls wären wir verreckt. Ich habe es nicht für dich getan und ich bin ganz sicher nicht dein Freund.“

Zurück auf dem Schiff verschwand Slate ein weiteres Mal spurlos. Alix zog sich in ihre Kammer zurück und ich begab mich mit Tharen in das Spielzimmer. Dort zeigte er mir seine neue Erfindung. Er hatte sie hinter der Abdeckung des Hauptterminals versteckt. Ich wunderte mich noch, wieso es mir nicht aufgefallen war. Immerhin war deutlich zu sehen, dass sich jemand an der Konsole zu schaffen gemacht hatte.

An der Waffe selbst erkannte man den Einfallsreichtum der Dracks. Die Verbindungen der einzelnen Leitungen waren notdürftig zusammengeklebt, geschraubt oder gelötet. Hier und da hingen noch lose Kabel herum, doch wäre das Gewehr in dieser Form sicher einsatzfähig. Mein Leben würde ich diesem Ding jedoch nicht anvertrauen. Wahrscheinlich war es genau so gut möglich, dass es in der Hand des Schützen explodierte.

„Noah, wir müssen verschwinden. Der Kapitän ist wahnsinnig. Wir hätten da draußen drauf gehen können.“ Sprach er eindringlich.

„Ich habe dieses Gewehr nicht zum Spaß entwickelt. Nachdem mir aufgefallen ist, dass es auf dem Schiff keine wirkliche Bewaffnung gab, wurde ich erfinderisch. Dabei habe ich auch einige Notlandekapseln gefunden. Sie sind gut versteckt und ich kann nichts damit anfangen, aber vielleicht kannst du sie dir einmal ansehen.“

Ich nickte. So atemberaubend und lehrreich die Reise auf der Zodiac auch war, so erkannte auch ich, dass sie bald ein Ende finden musste. Diese Notkapseln waren eine Möglichkeit. Doch wie sollten wir damit wieder in unser eigenes System gelangen?



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