• Sinnlosoph

Zodiac - 5. Kapitel: Die Unbekannten

Alles war blitzschnell geschehen. Die Lucke schloss sich und es herrschte undurchdringliche Dunkelheit. Ich fühlte, wie sich das Vakuum in der Kammer füllte und sich eine Atmosphäre um uns herum aufbaute. Die Systeme meines Anzuges gaben an, dass wir gefahrlos unsere Helme abnehmen konnten. Es befanden sich also entweder uns bekannte Lebewesen an Bord, oder sie wussten zumindest, welche Umweltbedingungen für uns nötig waren, um zu überleben. Dieser Gedanke gab mir Hoffnung.



Als wir uns gerade aus den Anzügen geschält hatten, öffnete sich eine Tür und gleißendes Licht blendete uns. Ich konnte nicht erkennen, wer oder was uns hier gerettet hatte, denn im Gegenlicht war kaum mehr als ein undeutlicher Schatten auszumachen. Noch bevor sich meine Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnen konnten, wurde mir eine Kapuze über den Kopf gestülpt und es wurde erneut dunkel.

Zwei kräftige Hände packten mich und hoben mich in die Luft. Sie trugen mich ein ganzes Stück durch das Innere des Schiffes, über Treppen und durch lange Korridore. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns im Kreis bewegten und uns gar nicht weit von unserer Einstiegsluke entfernten. Als sie mich wieder absetzten, hörte ich noch, wie sich eine Tür schloss, bevor ich mir die Kapuze vom Kopf ziehen konnte.

Der neue Raum war einfach eingerichtet. Es gab einen schmalen Tisch mit vier Stühlen, eine Kommode mit einem Bündel frischer Kleidung für Menschen und ein einzelnes Bett. Alles war fest mit dem Boden verbunden und weder die Möbel noch die Stühle, konnten verschoben werden.

Tharen erholte sich am schnellsten von den Geschehnissen. Lautstark fluchend verdammte er jeden Einzelnen auf dem Schiff und schwor, sie alle zu massakrieren, wenn er sie in die Finger bekäme.

„Das solltest du besser lassen. Wir wissen nicht, mit wem, was oder wie vielen wir es hier zu tun haben. Wenn wir uns von Anfang an schon so feindselig verhalten, werden wir womöglich wieder über Bord geworfen.“

Seine Drohungen schrumpften zu einem undeutlichen Gemurmel, verstummten jedoch nicht ganz. Wir hörten, wie die einzige Tür zu diesem Raum entriegelt wurde. Mit einem leisen Zischen versank sie in der Decke und zwei Männer waren zu sehen. Der eine war ein Qwerk und dem entsprechend untersetzt und rundlich gebaut. Sein ganzer Körper wurde durch eine Art Neoprenanzug verdeckt, der ihn vor den Einflüssen der Umwelt abschirmte. Sein Gesicht war unter der Maske seines Klans nicht zu erkennen. Der andere war ein Mensch.

Auf den ersten Blick erkannte ich, dass wir es hier mit keinem gewöhnlichen Mann zu tun hatten. Er strahlte Selbstvertrauen, Gelassenheit und Energie aus. Er machte einen stolzen Eindruck, ganz so, als wüsste er genau, wozu er fähig war. Mir gab der Anblick ein Gefühl der Sicherheit und ich war gespannt darauf, seine Geschichte zu hören. Sein Alter schätzte ich auf Anfang vierzig. Das außergewöhnlichste an seiner Erscheinung waren jedoch seine Augen. Die Iris wurde komplett ersetzt. Es schien, als habe er sich bionische Implantate eingesetzt, die ein blass blaues Glühen von sich gaben. Dieser mechanische Blick besaß eine Schärfe, die mich erschaudern ließ.

Die beiden Männer trugen eine Art Uniform in Blau und Rot und starrten uns eindringlich an. Dann unterhielten sie sich in einer Sprache, die ich nicht kannte.

Seit etwa fünfzig Jahren sind standardmäßig Sprachübersetzer im Einsatz. Diese werden, ähnlich wie frühere Impfungen gegen Krankheiten, bereits kurz nach der Geburt in die Körper injiziert und ermöglichen es, ein Gespräch in Echtzeit und in der Tonlage des Sprechers zu übersetzen. Dafür wurde eine ausgeklügelte KI genutzt, die von den Adalaari entwickelt wurde. Sie konnte nicht nur die unterschiedlichen Akzente und Dialekte übersetzen, sondern lernte auch neue Wörter und passte sich laufend der Sprachentwicklung eines Volkes an. Seltsamerweise funktionierte diese Technik hier nicht.

Ich erkannte dennoch, dass sie uns eine Frage gestellt hatten. Alix schlug vor, dass ich unsere Geschichte in meiner Muttersprache erzählen soll. Das tat ich dann auch, langsam und deutlich.

Die beiden machten nicht den Eindruck, dass sie irgendetwas verstanden. Daraufhin versuchte es Tharen in seiner Muttersprache und zum Schluss versuchte Alix sein Glück. Wir versuchten gemeinsam die wichtigsten Punkte in der Muttersprache der Qwerk wiederzugeben. Dies schien jedoch nur noch mehr Verwirrung zu stiften, so dass wir die Idee bald wieder verwarfen.

Die Fremden wechselten Blicke und sprachen kurz in ihrer unverständlichen Sprache miteinander. Anschließend zogen sie sich, ohne ein Wort an uns zu richten, zurück.

„Da versucht man alle bekannten Sprachen und die verstehen nichts. Wahrscheinlich lassen sie uns hier jämmerlich verhungern!“ fluchte Tharen.

In diesem Moment wurde die Tür erneut geöffnet und ein weiterer Qwerk trat ein. Er trug zusätzliche Kleidung für meine beiden Gefährten über dem Arm, die er an sie verteilte. Anschließend legte er drei Gedecke auf den Tisch. Die Teller waren flach und altmodisch geformt. Sie hatten keine separaten Schalen für die unterschiedlichen Nahrungsmittel, wie es heute auf fast allen Schiffen üblich ist.

Ich blickte auf die Speisen vor mir und konnte allerlei Köstlichkeiten entdecken. Von Steak über Burger bis hin zu frischem Salat. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass die letzte Mahlzeit schon eine halbe Ewigkeit zurück lag. Die anderen beiden hatten wahrscheinlich ähnliche Gefühle, wenngleich ich mich mit der Küche der Adalaari und Dracks nicht sonderlich gut auskenne. Ich kann mir aber vorstellen, dass ihre Speisen ebenfalls jede erdenkliche Lust befriedigen konnten.

Es schmeckte uns über alle Masse. Noch nie hatte ich ein so gutes Gericht auf einem Schiff gekostet. Normalerweise gab es einfache Gerichte, die sich gut und lange lagern ließen und dabei möglichst wenig Platz beanspruchten. Diese hier schmeckten jedoch frisch und knackig, als wären die Zutaten nicht schon monatelang in Metalltanks gelagert worden.

Nach dem Essen und mit vollen Bäuchen ergriff uns eine übermächtige Müdigkeit. Die Strapazen der letzten Stunden forderten ihren Tribut. Meine beiden Gefährten sanken nebeneinander auf den Boden nieder und schliefen bald darauf aneinander gelehnt ein. Ein seltsames Bild, wenn man die unterschiedlichen Körper der beiden betrachtete. Kurz hatte ich die Befürchtung, dass mein Assistent unter dem massigen Körper des Dracks erdrückt werden könnte.

In meinem Kopf schwirrten noch die ungelösten Fragen herum. Wo waren wir? Welche Macht hatte uns entführt? Woher stammte das Schiff und wer war dieser Mann? Ich schaffte es noch knapp auf das Bett, dann übermannte auch mich die Müdigkeit und ich fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.



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