• Sinnlosoph

Zodiac - 7. Kapitel: Technische Wunder

Als Slate schließlich aufstand, folgte ich ihm. Wir verließen den Speisesaal und betraten den angrenzenden Raum. Dieser war weniger prunkvoll, dafür umso komfortabler eingerichtet. Es handelte sich um das Spielzimmer, wie mir der Kapitän mitteilte. Gepolsterte Sessel luden zum Verweilen ein und auf den niedrigen Tischen standen sowohl kühle als auch heiße Getränke. In eine der Wände eingelassen, befand sich ein Terminal, worauf ein tragbares Gerät lag. Slate drückte es mir in die Hand und ich untersuchte es.



Es war ein Tablet, welches seine Daten aus dem Terminal bezog. Auf den ersten Blick schien es sich nicht wirklich von den Tablets zu unterscheiden, die auf der Erde bereits im einundzwanzigsten Jahrhundert entwickelt wurden. Dabei konnte es jedoch nicht nur zweidimensionale Medien wie Texte oder Bilder darstellen. Es nutzte eine ausgeklügelte Technologie, um das Licht so zu brechen, dass Hologramme entstanden. Diese Technik wurde in den letzten Jahren immer weiter erforscht und bildet zweifellos die Zukunft. Allerdings habe ich noch bei keinem Prototypen eine so klare Projektion gesehen.

„Mit diesem Gerät haben sie eine verschlüsselte Verbindung zum gesamten Exanet. Selbst einige geheime Daten des Bundes und des Wirtschaftskonglomerats können damit abgerufen werden. Sie selbst können hingegen nicht verfolgt werden. Die Verschlüsselung der Verbindung ist so aufgebaut, dass die Übertragung im Hintergrundrauschen des Weltalls untergeht.“

Ich wischte darauf herum. Tatsächlich, alle wichtigen Portale waren abrufbar. Selbst solche, die eigentlich nur eine geringe Reichweite hatten und zum Beispiel nur für den Datenaustausch auf einem Planeten bestimmt waren. Damit hatte ich Zugriff auf die neuesten Forschungsprojekte, die teilweise im Geheimen an den verschiedenen Universitäten durchgeführt wurden.

„Die Verbindung ist ausreichend schnell und reicht weiter als die meisten herkömmlichen Übertragungsarten. Allerdings ist die Leistung nicht unbegrenzt. Wenn wir uns zu weit entfernen und der Kontakt abbricht, können nur die lokal gespeicherten Daten abgerufen werden. Bei über einhundert Petabyte sollte es aber genug zu lesen geben.“

Ich staunte noch immer über die Bandbreite, die das Gerät haben musste. Allein den lokalen Server zu füllen würde bei einer gewöhnlichen Verbindung mindestens einen Tag dauern. Da führte mich Slate auch schon in den nächsten Raum. Dieser war der bisher größte von allen.

„Das ist das Observatorium. Hier sind alle Schätze gelagert, die ich bisher auf meinen Reisen gesammelt habe. Ich kann mir vorstellen, dass dies zu ihrem Lieblingsplatz auf der Zodiac wird. Zudem befindet sich hier auch die Sternenkarte.“

An den Wänden entlang aufgereiht befanden sich unterschiedliche Regale, die mit allen möglichen Gegenständen bestückt waren. Neben Gesteinsbrocken und Metallproben befanden sich auch antike Artefakte. Von Instrumenten, über Waffen bis hin zu Fossilien war alles vorhanden. Staunend bemerkte ich, dass in einer Ecke des Raumes eine Art Ritterrüstung stand. Allerdings schien sie nicht für einen Menschen gefertigt worden zu sein, sondern für jemand, oder etwas, viel Größeres.

In der Mitte des Raumes befand sich die angesprochene Sternenkarte. Ich hatte erwartet, dass es eine interaktive, zweidimensionale Darstellung der Milchstraße wäre, so wie es bei den meisten fortschrittlichen Schiffen des Bundes der Fall war. In Wirklichkeit wurde sie jedoch dreidimensional vor unseren Augen in den Raum projiziert. Slate trat heran und strich mit der ausgestreckten Hand durch die Galaxie. Daraufhin vergrößerte sich ein Abschnitt und ich erkannte das System, indem wir uns befanden. Ein kleiner, rot pulsierender Punkt verdeutlichte nochmals unsere genaue Position.

„Kapitän, ich glaube langsam zu verstehen, was sie vorhin sagten. Eine solche Technologie habe ich noch nie gesehen. Kein mir bekanntes Volk ist in der Lage, etwas Derartiges anzufertigen. Was mich als Ingenieur jedoch am meisten interessiert, ist der Antrieb. Wie bewegt sich die Zodiac derart schnell durchs All?“

„Kommen sie, ich zeige es ihnen.“

Wir verließen das Observatorium und betraten eine kleine Kammer, die direkt daran angrenzte. Es war die Kapitänskajüte. Im Gegensatz zu den Räumen davor war diese schlicht eingerichtet. Es befand sich nur das nötigste darin. Ein Bett, ein Schrank mit frischer Kleidung, ein Schreibtisch und ein Stuhl. Slate ging zum Schreibtisch und bediente die darin eingebaute Konsole. An der Wand erschienen verschiedene Werte, die sich laufend änderten.

„Von hier aus habe ich die volle Kontrolle über die Funktionsweise der Zodiac. Ich könnte sie von diesem Raum aus steuern und führen. Einfacher ist es jedoch auf der Brücke.“

Er tippte auf ein Feld am unteren Rand der Projektion. Das Bild veränderte sich und weitere Kennzahlen erschienen.

„Das sind die Triebwerke. Die Zodiac verfügt über drei unterschiedliche Antriebsarten. Einen Impulsantrieb für kurze Strecken, einen Ionenantrieb für mittlere Flugstrecken und einen weiteren für weite Sprünge. Ich erkläre es ihnen genauer, wenn wir da sind.“

„Und wie werden diese Triebwerke mit Energie versorgt?“

Seine Finger tippten weiter auf der Oberfläche herum und wieder veränderte sich die Projektion.

„Hier sehen wir unsere Vorräte. Sie sind in die einzelnen Elemente unterteilt. Einen kleinen Teil davon benötigen wir für unsere 3D-Drucker. Der wesentlich größere Teil wird in unseren Reaktoren umgewandelt. Dafür sind insgesamt drei Fusionsreaktoren verbaut. Der erste fusioniert Wasserstoff zu Helium, der zweite nutzt dieses Helium und schafft daraus Lithium. Im dritten wird aus dem Lithium Kohlenstoff.“

Bisher war es schwer genug eine stabile Reaktion mit Helium aufrecht zu halten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass hier gleich drei Fusionsschritte abgehalten wurden. Da stutzte ich.

„Das scheint aber nicht gerade effizient. Wenn wir diese Gleichung durchrechnen, müsste ein Teil des Heliums ungenutzt bleiben.“

Slate nickte anerkennend.

„Ich sehe, sie verstehen ihr Handwerk. Dieser Teil des Heliums wird beim Fusionsprozess ebenfalls umgewandelt. Es findet keine Fusion statt, dafür fällt in geringen Mengen Anti-Helium an. Diese Antimaterie wird gesammelt und dient dem letzten Reaktor als Treibstoff.“

Antimaterie! Allein bei dem Gedanken drehte sich mir der Kopf. Es gab erste Versuche, diesen Stoff wirtschaftlich zu nutzen. Hauptsächlich als Energiequelle, doch einige Institutionen spezialisierten sich darauf, neue Waffen und Sprengköpfe damit zu bestücken. Bisher waren die Experimente jedoch im besten Fall erfolglos. In den schlimmeren Fällen wurden ganze Forschungseinrichtungen in die Luft gejagt. Ich erinnerte mich an einen Zwischenfall vor zwei Jahren. Ein Labor auf einem abgelegenen Trabanten wurde bei einem kurzen Unterbruch der Kühlsysteme zerstört. Die Explosion der Antimaterie war so stark, dass der ehemalige Mond gesprengt und zu einem Asteroidengürtel wurde.

„Lassen sie uns zum Haupttriebwerk gehen. Dann verstehen sie es vielleicht besser.“

Er stand auf und bedeutete mir, ihm zu folgen. Mir drehte sich noch immer der Kopf und so nahm ich nur am Rande wahr, wie wir durch unterschiedliche Gänge gingen, mehrmals die Ebene wechselten und er mir währenddessen alle wichtigen Apparate vorstellte. Endlich im vermutlich untersten Teil der Zodiac angekommen, öffnete er eine schwer gepanzerte Tür, die den Blick auf den letzten Antrieb freigab.

Es gab keine sichtbare Öffnung, aus der etwas entweichen konnte. Es gab noch nicht einmal ein Gerät, welches ich studieren könnte. Das einzige, was sich hinter dicken Scheiben befand, war ein leuchtender Ball. Am ehesten könnte man es mit einer Miniatursonne vergleichen.

„Das ist der letzte Antriebskern.“ sagte Slate nicht ohne Stolz in der Stimme.

„Wie funktioniert er?“

„Wie sie sicherlich wissen, können sich Objekte nicht schneller als das Licht durch den Raum bewegen. Dabei nimmt die nötige Energie exponentiell zu, je mehr wir uns der Lichtgeschwindigkeit nähern. Selbst wenn es möglich wäre, diese Geschwindigkeit zu erreichen, bräuchten wir immer noch tausende von Jahren, um einen ernsthaften Teil der Milchstraße zu durchqueren.“

Ich nickte.

„Dieser Antrieb schafft Abhilfe. Wir müssen uns immer noch an die Gesetze der Physik halten. Wir haben aber die Möglichkeit, den Raum, indem wir uns bewegen zu verändern.“

„Wie soll uns das bei unseren Reisen helfen?“

„Stellen sie sich vor, wir wären ein Gummiband. In unserer jetzigen Position sind wir entspannt und in unserer normalen Größe vor Ort. Unsere Masse entsteht durch die Verdrehung und Faltung unserer Moleküle. Mit der Raumdilatation wird der Körper durch den uns umgebenden Raum gestreckt. Wir verteilen uns also wie ein einzelner Strang von Atomen auf einer geraden Strecke.“

Ich stellte mir vor, wie die einzelnen Moleküle und Atome meines Körpers von ihrem Platz gerissen und in Reih und Glied aufgestellt werden. In meinem Kopf wirkte es sehr schmerzhaft. Und tödlich.

„Sobald die gewünschte Ausdehnung erreicht ist, wird der Ausgangspunkt losgelassen und die Atome ordnen sich am Zielort wieder in ihrer gewohnten Struktur an. Als würden sie das Gummiband an einem Ende loslassen.“

„Ist das nicht gefährlich?“

„Ich habe schon hunderte solcher Sprünge vollzogen und bisher jeden einzelnen davon schadlos überstanden. Wenn sie sich eingelebt haben, können sie mit ihren Freunden die gesamte Anlage untersuchen. Wer weiß, vielleicht finden sie einen Weg den Prozess zu optimieren. Immerhin benötigt jeder Sprung eine unvorstellbare Menge an Energie, die wir zunächst aufbauen müssen.“

Wir verließen den Antriebsraum und gingen wieder zurück ins Observatorium. Ich musste zugeben, dass die Zodiac ein einzigartiges Schiff war. Ich habe auf meinen Reisen noch nie etwas vergleichbares gesehen. Slate Erzählte mir, dass das Schiff seine erste und bisher größte Entdeckung war. Da kam mir eine Frage auf.

„Sie sagen, sie haben die Zodiac entdeckt. Heißt das, sie haben sie nicht gebaut? Woher stammen denn diese Technologien?“

„Zwischen den Galaxien befindet sich praktisch keine Masse. Dem entsprechend gibt es dort kaum Gravitationsfelder. Wenn sie etwas hinausschießen, wird es irgendwann von einer Galaxie angezogen. An den Rändern sammeln sich diese Objekte und bilden so eine regelrechte Schatzgrube.“

Wir erreichten das Observatorium und er verdeutlichte seine Aussagen mit Hilfe der Sternenkarte.

„Ich fand die Zodiac herrenlos durch das All treiben. Als ich sie in Betrieb nahm, funktionierten die wichtigsten Systeme noch. Danach begann ich mit der Suche nach weiteren Artefakten. Über die letzten Jahre habe ich zusammen mit meiner Mannschaft alle brauchbaren Technologien gesammelt und eingebaut.“

„Aber woher stammen diese Teile ursprünglich? Wer hat sie gebaut?“

„Das weiß niemand. Vielleicht eine Zivilisation, die lange vor uns durch die Milchstraße reiste und jetzt in andere Galaxien vorgedrungen ist. Vielleicht sind es gescheiterte Expeditionen von Völkern, die in die Milchstraße eindringen wollten. Einige Relikte sind sicherlich Überbleibsel von Kulturen, die vor uns gelebt haben und mittlerweile ausgelöscht wurden. Auf jeden Fall waren sie uns um Jahrtausende voraus.“



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