• Sinnlosoph

Zodiac - 8. Kapitel: Sprung

Wenn ich mir die Sternenkarte genauer ansehe, erkenne ich die wichtigsten Strukturen wieder. Vieles von dem, was wir über die Milchstraße und ihren Aufbau zu wissen glauben, basiert tatsächlich auf Annahmen. Diese wurden aufgrund von Beobachtungen getroffen, die von den verschiedenen Planeten aus mit den einzelnen Sternwarten gemacht werden konnten. Einige weiter entfernte Systeme und Sterne sind mit Aufnahmen von Stationen aus dem Weltraum ermittelt worden. Allen gemein war, dass sie ungenau und verfälscht waren. Allein die Zeit, die das Licht braucht, um bis auf unsere Linsen und Sensoren zu gelangen, verunmöglichte ein genaues Abbild der Galaxie. Diese Verzögerung wurde grösser, je weiter wir in die Leere blickten. Hinzu kam, dass sich alle Objekte in der Galaxie bewegten. Den Dopplereffekt konnte man mathematisch ausgleichen, doch der absoluten Position konnte man sich bestenfalls annähern. Allzu weit von der Realität befanden wir uns jedoch nicht. Immerhin schien sich die Karte der Zodiac mit meinen Erinnerungen zur Milchstraße zu decken.



Der rote Punkt, der unsere Position anzeigte, hatte sich nicht bewegt. Wir befanden uns noch immer im Orion-Arm. Dem Arm der Galaxie, in dem sich auch die Erde und die Heimatwelten der anderen Rassen befanden. Es war also immer noch so etwas wie unser Zuhause.

„Ich denke, sie wissen, wie die Navigation mittels Neutronensternen funktioniert? Die Sternenkarte funktioniert noch immer nach demselben Prinzip. Einziger Unterschied ist, dass die Verfügbaren Daten wesentlich umfangreicher und genauer sind. Die Berechnungen zeigen, dass wir uns etwa einhundert Milliarden Kilometer von der Erde entfernt befinden. Das entspricht etwas mehr als einem Prozent eines Lichtjahres. Wir werden in Kürze einen Sprung machen, der uns in den Perseus-Arm bringt. Machen sie sich darauf gefasst, etwa zehntausend Lichtjahre zurückzulegen.“

Die Sternkarte zeigte den Perseus-Arm deutlich vor uns. Die Entfernung sah gar nicht so groß aus. Immerhin schienen sich die beiden Arme an den Enden beinahe zu überlagern. Wenn man jedoch bedenkt, dass die gesamte Galaxie auf eine Projektion mit vielleicht fünf Metern Durchmesser reduziert wurde, relativiert sich die scheinbare Nähe. Immerhin schien es auch so, als befänden wir uns direkt neben dem Sonnensystem der Erde.

„Unsere Reise können sie Jederzeit auf der Karte verfolgen. Sie müssen mich nun aber entschuldigen, Herr Davies. Ich werde auf der Brücke alle nötigen Schritte einleiten, damit wir den Sprung unbeschadet überstehen.“

Mit diesen Worten wandte sich Kapitän Slate ab und verließ das Observatorium. Damit ließ er mich allein mit meinen Fragen und Gedanken. Wie konnte er und seine Mannschaft diese Technologie nutzen? Hatte er vielleicht Männer und Frauen in seiner Truppe, die von noch unbekannten Rassen abstammten? Vielleicht sogar die letzten ihrer Art? Wohin genau wollte er uns führen?

Während ich darüber nachdachte, stießen meine beiden Gefährten zu mir. Sie staunten nicht schlecht, als sie die Kostbarkeiten entdeckten und wunderten sich über die detailreiche Sternenkarte. Als er die erste Verwunderung abschüttelt konnte, trat Tharen an mich heran.

„Hast du schon mehr herausgefunden?“ fragte er.

„Wir befinden uns auf der Zodiac. Aktuell sind wir nicht allzu weit von der Erde entfernt, aber das soll sich bald ändern.“

Alix betrachtete ausgiebig die Ritterrüstung in der Ecke und schien von einer unbekannten Ehrfurcht ergriffen zu sein. Da kam Tharen noch näher an mich heran.

„Wo ist Slate, was hat er vor und woher kommt er?“

„Ich weiß nur, dass das Schiff ungeahnte technologische Möglichkeiten eröffnet. Allein die unterschiedlichen Antriebe sind unvergleichbar. Hast du etwas herausgefunden?“

„Nein. Verdammt, ich weiß noch nicht einmal wie groß die Mannschaft ist, oder wie sie sich zusammensetzt. Das halbe Schiff scheint leer zu sein und die wenigen, die ich sah, waren vermummt. Ich bin mir nicht einmal sicher, welche Rasse hier am verbreitetsten ist.“

„Ich glaube, wir müssen den Plan, die Zodiac zu übernehmen aufgeben. Mit diesem Wunderwerk an Technik kommen wir ohne den Kapitän nirgendwo hin.“

Plötzlich ging das Licht aus und wir standen im Dunkeln.

„Jetzt ist es aus.“ Flüsterte mir Tharen ins Ohr.

Ich bemerkte, wie einige helle Punkte auftauchten. Zunächst ganz schwach, doch dann immer deutlicher. Es wurden mehr und bald erkannte ich, dass es sich um Sterne handelte. Wir standen förmlich im Universum. Die Wände und alles um uns herum war durchsichtig geworden und es schien, als würden wir durch den Raum gleiten. Fasziniert hielten wir den Atem an und bestaunten das Lichterspiel. Dabei waren wir uns bewusst, dass so etwas, mit Ausnahme des Kapitäns und der Mannschaft, wohl noch nie jemand zu sehen bekam.

Tharen beruhigte sich und verstummte, denn auch ihn zog der Anblick in seinen Bann. Alix hatte seine Mühe, sich vom Anblick der verschwundenen Rüstung loszureißen und starrte noch immer an den Punkt, wo sie vor kurzem noch stand. Doch irgendwann erkannte auch er die sich ihm bietende Pracht.

Unvermittelt begann sich die Szenerie zu verändern. Aus den Punkten, die jeweils einen einzelnen Stern als Ursprung hatten, wurden Linien. Die verschiedenen Sternbilder verzogen sich zu grotesken Formen und das Licht selbst schien sich zu ändern. Die schwarze Leere zwischen den einzelnen Sonnensystemen begann zu leuchten und nahm zunächst eine violette Färbung an, die sich dann immer weiter ins Rot verschob. Das Leuchten wurde immer heller, bis es auf einen Schlag wieder dunkel wurde.

Das Bild vor unseren Augen hatte sich komplett verändert. Ich erkannte keinen einzigen Stern und keine einzige Formation wieder. War das der Sprung, den der Kapitän ankündigte?

Die Sterne verblassten und langsam nahm der Raum um uns herum wieder Formen an. Ein kurzer Blick auf die Sternenkarte bestätigte: Wir waren in diesen wenigen Sekunden weiter gereist, als es den Menschen in ihrer Gesamtheit jemals möglich war. Die Vorstellung war beendet. Niemals zuvor hatte ich so etwas erlebt.

Nun blieb uns nichts Weiteres als zu warten. Wir hatten keine Ahnung, weshalb Kapitän Slate an diesen Ort reiste. Was hatte er vor? Was gab es hier zu entdecken?

Die anderen beiden waren in einer ähnlichen Verfassung, also erkundeten wir zu dritt das Schiff. Dabei trafen wir kein einziges Mitglied der Mannschaft. Nach einer gefühlten Stunde zog sich jeder in seine Kabine zurück um das erlebte zu verarbeiten. Glücklicherweise war Alix im Raum neben mir einquartiert. So hatte ich zumindest ein mir vertrautes Gesicht in meiner Nähe.



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