• Sinnlosoph

Zodiac - 9. Kapitel: Im Asteroiden

Die nächsten Tage verstrichen ereignislos. Nach unserer spektakulären Ankunft und den Offenbarungen von Kapitän Slate, zusammen mit dem Sprung durch mehrere tausend Lichtjahre, konnten wir die Ruhe gut gebrauchen. Allerdings verunsicherte uns, dass wirklich niemand zu sehen war. Von der Mannschaft fehlte jede Spur und auch der Kapitän schien wie vom Erdboden verschluckt. Wären die Mahlzeiten nicht immer pünktlich angerichtet gewesen, hätten wir genauso gut auf einem Geisterschiff sein können. So verbreitete sich lediglich eine unangenehme Ruhe auf dem Schiff, welche nur durch das gelegentliche Summen verschiedener Gerätschaften unterbrochen wurde.



Am dritten Tag beschloss ich mit Alix den Antrieb genauer zu untersuchen. Ich fand ein passendes Tablet, auf dem ich meine Erkenntnisse niederschreiben und meine Berechnungen durchführen konnte. Die verschiedenen Antriebsarten waren genauso erstaunlich wie einfach. Wie es aussah, mussten sie lediglich angeschlossen werden und sie wären betriebsbereit. Soweit ich das jetzt bereits beurteilen kann, könnten solche Antriebe bereits seit einigen Jahren von den Rassen des Bundes gefertigt werden. Die nötigen Teile konnten die Menschen herstellen. Zusammen mit den Werkzeugen der Adalaari, die die nötige Präzision boten, wäre es einfach in Serie zu gehen. Der Grund, weshalb das noch nicht geschehen war, lag darin, dass einfach noch niemand auf diese Idee gekommen ist. Wie so oft wurde die Lösung zu weit von der Ursache entfernt gesucht. Ein Makel, dem ich mich bei meinen Forschungen schon selbst so manches Mal schuldig machte.

Nach knapp einer Woche wies mich Tharen darauf hin, dass wir uns nicht mehr bewegten. Er verbrachte die meiste Zeit damit, die Bewegungen auf der Sternenkarte zu verfolgen, oder das Schiff nach Waffen abzusuchen. Deshalb ist es ihm als erstes aufgefallen, dass wir in der Umlaufbahn eines kleinen Sonnensystems Halt gemacht haben. Vom Kapitän fehlte noch immer jede Spur und so wussten wir nicht, was dieser Zwischenstopp zu bedeuten hatte.

Erst drei weitere Tage später erhielt ich eine Nachricht. Es war eine altmodische Notiz auf einem Stück Papier, welches in mein Zimmer gelegt wurde. Kapitän Slate lud mich ein, an einer Expedition teilzunehmen. Ein Asteroid würde sich in kürze unserem Standort nähern. Er wollte sich entsprechende Proben holen, um die Eigenschaften dieses Systems besser zu verstehen. Diese Abwechslung kam mir gerade recht und so eilte ich zusammen mit meinem Assistenten ins Observatorium.

Slate erwartete uns bereits. Über seine Abwesenheit verlor er kein Wort. Er begann sofort damit über den Asteroiden zu sprechen und erlaubte mir, Alix mitzunehmen. Er blickte kurz zwischen mir und meinem Assistenten hin und her und zog mich anschließend zur Seite.

„Sie kennen sich nicht besonders gut mit der Physiologie der Adalaari aus, oder?“ fragte er mich.

Verwundert blickte ich ihn an. Woher kam dieser Gedanke?

„Ich hatte schon mit dem einen oder anderen zu tun. Zudem ist Alix seit Jahren mein Assistent.“ erwiderte ich zögernd.

Der Kapitän lachte laut auf und schüttelte den Kopf.

„Mein lieber Herr Davies. Ihr Assistent ist eine Frau. Hier liegt wohl ein ziemlich großes, kulturelles Missverständnis vor. Wenn eine Adalaari jemandem so lange folgt, ist das ihre Art des Werbens. Hat ihnen das noch nie jemand gesagt?“

Er lachte herzhaft und schlug mir freundschaftlich auf die Schulter.

„Ich glaube, nach diesem kleinen Ausflug müssen sie beide einmal ein Wörtchen miteinander reden.“

Er ließ mir keine Zeit für eine Antwort, sondern schob mich förmlich vor sich in ein angrenzendes Zimmer mit unterschiedlichen Raumanzügen. Alix folgte uns wortlos. Ob er… Nein, ob sie etwas von dieser Unterhaltung gehört hatte?

„Diese Anzüge sind anders als jene, die sie vom Bund kennen. Ihre Lebenserhaltungssysteme sind ihnen weit überlegen und ermöglichen es, mehrere Tage am Stück im All zu bleiben. Zudem ist die Kommunikationsbandbreite um ein Vielfaches höher. Wir sollten also nicht nur miteinander in Kontakt bleiben, sondern auch eine Verbindung zur Zodiac aufrechterhalten können.“

Tatsächlich waren nicht nur die verbauten Systeme fortschrittlicher. Das Material selbst war mir vollkommen unbekannt. Wo die Anzüge der Menschen seit Jahrhunderten praktisch unverändert klobig waren, fühlte sich dieser viel mehr wie ein Taucheranzug an. Die Hülle lag dicht am Körper an und war weich und flexibel. Der Helm war ebenfalls viel mehr eine Maske, die sich nahtlos mit der Kapuze verband. Nachdem wir unsere Ausrüstung angelegt hatten, erschien auf dem Visier ein Display, über welches wir alle Funktionen und die verschiedenen Kommunikationskanäle im Auge behalten konnten. Eine wesentlich elegantere Lösung als das unhandliche Terminal mit den riesigen Knöpfen, welches beim Bund in die Ärmel eingearbeitet war.

Der Druckausgleich wurde eingeleitet und kurz darauf schwebten wir aus der Zodiac. Wir blieben noch eine kurze Zeit durch Leitungen mit dem Schiff verbunden. Als sich der Asteroid näherte, lösten wir uns und glitten mühelos auf dessen Oberfläche zu. Slate machte sich gleich daran die Gesteinsstrukturen zu untersuchen und mit einem kleinen Hämmerchen Proben zu lösen. Egal wie fortschrittlich die Zodiac war, gewisse Arbeiten wurden immer noch so verrichtet, wie schon vor hunderten von Jahren.

Der Asteroid war nicht besonders groß. Ich schätzte seinen Durchmesser auf etwa zwei Kilometer. Nach einer kurzen Rücksprache wurde mir vom Kapitän erlaubt die Oberfläche zu erkunden. Alix blieb dabei immer dicht an meiner Seite.

Wir landeten auf der von der Sonne abgewandten Seite. Nach wenigen Minuten erreichten wir jedoch die Grenze zum Licht. Ich fragte mich noch kurz, ob der Anzug die Strahlung aushalten würde, oder ob ich gleich wie ein Leuchtfeuer verbrennen würde. Glücklicherweise war das Material robuster als es den Anschein machte. Auch das Visier stellte sich augenblicklich auf die geänderten Lichtverhältnisse ein. Was ich dann erblickte, raubte mir den Atem.

„Ein Mehrfachsystem…“ hauchte ich.

„Mindestens sieben Sterne.“ Kam der beiläufige Kommentar von Alix.

Ich hatte damit gerechnet, einen einzelnen, oder vielleicht einen Doppelstern zu sehen, da diese recht häufig sind. Selbst das wäre für mich eine neue Erfahrung gewesen. Immerhin stand ich noch nie frei auf einem Asteroiden und umkreiste eine Sonne. Eine Ansammlung von mindestens sieben Sternen war jedoch etwas außergewöhnliches. Ich bin mir ziemlich sicher, dass noch niemand der bekannten Rassen ein solches System in Natura betrachten konnte.

„Ziemlich beeindruckend, finden sie nicht?“

Der Kapitän schloss zu uns auf und begann nun auf der beleuchteten Seite seine Proben zu sammeln.

„Das ist der Grund, weshalb dieser Asteroid so interessant für mich ist. Meinen Aufzeichnungen und Berechnungen zu Folge, befindet sich dieser seit einigen Millionen Jahren in der Umlaufbahn dieser Sterne. Dabei wird immer dieselbe Seite beleuchtet. Ich frage mich, ob dieser Umstand die Zusammensetzung der Oberfläche verändert hat.“

Ich konnte ihm nicht antworten. Der Anblick der Sterne zog mich in ihren Bann. Zwei von ihnen bewegten sich so schnell, dass wir von unserem Standpunkt aus eine grobe Vorstellung ihrer Umlaufbahn erhielten. Einer bildete wahrscheinlich das Zentrum und schien sich gar nicht zu bewegen. Die anderen vier bildeten aus unserem Blickwinkel eine perfekte Linie.

Der Kapitän bedeutete uns, ihm zu folgen. Schweren Herzens riss ich den Blick von diesem Schauspiel und wir gingen in eine Senke. An ihrem Grund fanden wir einen kleinen Spalt, der weiter in das Innere des Asteroiden führte und Slate ging unbeirrt darauf zu. Mit etwas Mühe zwängten wir uns in das Innere und schoben uns durch den engen Spalt. Dabei mussten wir darauf achten, unsere Anzüge nicht an den scharfen gesteinssplittern aufzureißen. Glücklicherweise hielten sie aber auch dieser Tortur mühelos stand. Nach etwa vierzig Metern verbreiterte sich der Gang und wir schalteten unsere Lampen ein.

Wir befanden uns nun in einer Höhle, die über und über mit Kristallformationen bedeckt war. Es schien, als seien wir in einer Art Weltraumgeode gelandet. Der Kapitän machte sich gleich daran entsprechende Proben zu nehmen. Auch Alix brach sich einen kleinen Kristall ab und steckte ihn sich in eine Tasche. Ich erkundete die Höhle.

Die Lampe reichte nicht im Ansatz aus, um das ganze Ausmaß der Höhle zu erleuchten. Meinen Plan, die Geode zu durchschreiten und mir so ein Bild über die Größe zu machen, verwarf ich wieder, als auch nach mehreren Minuten kein Ende in Sicht war. Es war gut möglich, dass der gesamte Asteroid hohl war und eine einzige, riesige Geode bildete. Ob das mit den Sonnen in diesem System zu tun hatte?

„Ich habe nun alles. Wir sollten zur Zodiac zurück. Dann können sie beide sich einmal aussprechen.“

Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Alix legte lediglich den Kopf schief.

Der Rückweg war anstrengender als angenommen. Slate bewies jedoch, dass er und seine Mannschaft die Zodiac vollständig unter Kontrolle hatten. Das Schiff fuhr so nah an den Asteroiden heran, dass wir praktisch nur die Handauszustrecken brauchten, um uns mitnehmen zu lassen.

Wieder im inneren halfen wir uns gegenseitig aus den Anzügen. Dabei bemerkte ich zum ersten Mal, dass Alix tatsächlich einige Rundungen an verräterischen Stellen besaß. Der Kapitän verschwand ohne ein weiteres Wort eilig in seiner Kabine und so blieb ich mit meiner Assistentin allein im Observatorium zurück.



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